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Erinnern, der Opfer gedenken und aus der Vergangenheit Lehren ziehen

  • Ilka Haydam
  • 10. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Mai

8./9. Mai Gedenktag der Befreiung Deutschlands und Europas vom Hitlerfaschismus


Das Plattencover  Foto: IM
Das Plattencover Foto: IM

Schon seit einigen Jahren schäme ich mich der Art und Weise, wie man diesen wichtigen Gedenktag in Westeuropa und Deutschland begeht, ohne die Verdienste eines der Hauptakteure, der Sowjetunion bzw. Russlands, zu würdigen.

Der Gipfel der Missachtung, der Verharmlosung und der Verunglimpfung der 27 Millionen sowjetischen Opfer ist die immer wieder zu lesende Behauptung, Russland führe gegen die Ukraine einen "Vernichtungskrieg", so wie es damals das "Unternehmen Barbarossa" für sich in Anspruch nahm und durch Wehrmacht und SS auf sowjetischem Gebiet auf schreckliche Weise in die Tat umsetzte.

Seit 2022 wird kein russischer Vertreter zu offiziellen westlichen Gedenkfeiern mehr eingeladen. Auch vorher waren die West-Alliierten lieber unter sich gewesen. Mittlerweile sind aus britischen Geheimdienstarchiven Dokumente über eine Machbarkeitsstudie eines Angriffes auf die Sowjetunion schon im Juli 1945 aufgetaucht. Einfach unfassbar. Letztendlich beweist dieser Fakt, dass man von westlicher Seite schon immer versuchte, die Sowjetunion zu schwächen und seit dem "Ende" des Kalten Krieges das Gleiche mit Russland versucht.

Aber zurück zum Gedenktag: Hatte man eigentlich die USA-Vertreter von Gedenkveranstaltungen ausgeschlossen, nachdem sie Vietnam, Serbien, Afghanistan, den Irak ... bombardiert hatten?


Die Bilder von der Parade in Moskau wecken bei mir persönlich Erinnerungen an die Gedenkveranstaltungen in meiner Heimatstadt, die eine sowjetische Garnison beherbergte.

Auf dem Platz vor dem Rathaus, der damals bezeichnenderweise "Friedensplatz" hieß, was nach 1990 geändert wurde, waren zum 30. Jahrestag des Sieges sowjetische Soldaten in ihren Paradeuniformen angetreten. Mit weißen Handschuhen präsentierten sie ihre Gewehre, flankiert von den Offizieren in ihren petrolfarbenen Gala-Uniformen. Die Schüler der städtischen Schulen standen ihnen gegenüber. Wir waren ziemlich beeindruckt vom Stechschritt, mit dem die Soldaten aufmarschierten und dem lauten "Urrra", das sich ihren Kehlen entrang.

Im Unterricht waren der opferreiche Kampf der Roten Armee und das Leid der sowjetischen Bevölkerung in den verschiedensten Zusammenhängen immer wieder thematisiert worden. Am erschütterndsten war für mich das Schicksal der Menschen Leningrads während der 900 tägigen Belagerung der Stadt durch die Wehrmacht. Im Musikunterricht der 10. Klasse hörten wir Ausschnitte aus der 7. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch "Leningradskaya". In Geschichte lasen wir die verstörenden Auszüge aus Tagebüchern von Bewohnern der Stadt. Die Belagerung war völkerrechtlich betrachtet eines der größten Kriegsverbrechen der Wehrmacht.

Nach Musik und Reden kam für uns der Zeitpunkt der Übergabe unserer im Werkunterricht hergestellten hölzernen Brieföffner als kleines Geschenk an die Soldaten. Es war uns wahrscheinlich ebenso peinlich wie den Beschenkten, die sich möglicherweise über Zigaretten, Süßigkeiten oder andere Dinge, die ihren tristen, streng geregelten Alltag etwas verschönern konnten, gefreut hätten. Denn dass der einfache Sowjetsoldat in einer DDR-Garnison nichts zu lachen hatte, spürten wir während der Kartoffelsammel-Einsätze im Herbst. Gemeinsam mit uns zogen auch sowjetische Soldaten über die großflächigen LPG-Kartoffelfelder, um die von der Vollerntemaschine nicht erfassten Kartoffeln per Hand nachzulesen. Die Soldaten pfiffen lustige Lieder und versuchten mit uns ins Gespräch zu kommen, was wiederum uns zum Testen der Alltagstauglichkeit unserer Russischkenntnisse verhalf. Mit "Bibliotheka imeni Lenina" kamen wir allerdings nicht weit. Wir erregten eher unfreiwillig Heiterkeit. Am Ende wurde abgerechnet und der Vertreter der LPG übergab jedem Schüler einen Zehn-Mark-Schein. Die Soldaten gingen leer aus, denn der sie begleitende Offizier, der seine weißen Handschuhe selbstverständlich nicht mit Kartoffeldreck beschmutzt hatte, steckte gleich ein ganzes Bündel von Zehn-Mark-Scheinen ein.

Während meines Studienaufenthaltes in Berlin erwarb ich im Sowjetischen Kulturzentrum eine Schallplatte mit der "Leningradskaya". Es waren 18 Unzen Vinyl mit einer Aufnahme der Sinfonie mit dem Staatlichen Sinfonieorchester der UdSSR aus Anlass des 24. Jahrestages der Befreiung Leningrads 1968, ein beeindruckendes Klangerlebnis. Seit jenen Musikstunden entwickelte ich eine Vorliebe für die Stücke von Schostakowitsch.


Als im Februar 2022 die russische Regierung keinen anderen Ausweg aus dem NATO-Osterweiterungs-Dilemma und der Missachtung des Minsker Abkommens sah, als mit Waffengewalt zu erzwingen, was durch Verhandlungsangebote nicht möglich gewesen war, verfolgte ich die Kommentare auf Twitter. Auch der russische Präsident, Wladimir Putin, hatte einen Account. Zwar konnte ich die russischen Gründe für den Einmarsch in die Ukraine nachvollziehen, aber trotzdem hatte ich kein Verständnis für militärische Gewalt. Deshalb schickte ich an den Putinschen Account ein Foto des Plattencovers der "Leningradskaya" und fragte, warum ein Land, das selbst so viel Leid in einem Krieg erfahren hatte, einen Krieg beginnt. Überraschenderweise erhielt ich eine Antwort, von wem auch immer, in Deutsch mit Erklärungen und Darstellung der Motive für den Einmarsch. Ich äußerte mein Bedauern über diese Entscheidung und erhielt zur Antwort, dass man sich ja um Verhandlungen bemühe und es momentan viel versprechende Ansätze für eine Einigung gäbe. Wahrscheinlich zielte das auf die "Istanbuler Gespräche", die den Krieg sicherlich im April oder Mai 2022 beendet hätten. Hier spielten ja dann die NATO-Staaten USA und Großbritannien eine unrühmliche Rolle. Nachdem nun offenbar geworden ist, dass sie schon 1945 über einen Angriff auf die Sowjetunion nachgedacht hatten und die Doktrin von der USA als der "einzigen Weltmacht" in mehreren Büchern und der RAND-Studie nachzulesen ist, begreife ich das kriegstreiberische Gebaren des Westens. Unsere damalige Außenministerin äußerte sich ja dementsprechend klar: "Wir führen einen Krieg gegen Russland."

Das ist für mich mit das Schlimmste, durch die Angliederung an die BRD auf der Seite der Revanchisten und Kriegstreiber gelandet zu sein, die die "Kriegsgefahr aus dem Osten" wieder heraufbeschwören, um zu bemänteln, dass eigentlich sie es sind, die schon seit 1945 einen Krieg wollen und alles dafür tun und getan haben, dass er auch eintrat und nicht wieder aufhört.

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein "Systemwechsel", vom System des Friedens und der gegenseitigen Achtung zum System der Feindbildbeschwörung und Kriegshetze, Wandel durch Distanz und Provokation, statt Zusammenarbeit zum beiderseitigen Vorteil -Konfrontation auf jeder Ebene.

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Über mich

Geboren in den 60ern in einem mittlerweile untergegangenen Land. Abitur, Studium, Beruf, Familie, dann quasi über Nacht ungewollt in einem anderen Land. Erwachen und seitdem auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen.

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