top of page

Die Bildungskatastrophe

  • Ilka Haydam
  • 18. Mai
  • 4 Min. Lesezeit
Schule im Verfall - symbolisch für die BRD. Hier Paul-Wegmann-Oberschule in Zeitz. Foto: IM
Schule im Verfall - symbolisch für die BRD. Hier Paul-Wegmann-Oberschule in Zeitz. Foto: IM


Am langen Himmelfahrtswochenende schreckte uns die Veröffentlichung der "UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern" aus der Bier- und Bollerwagenseligkeit.

Deutschland auf Platz 25 von 37 hinter Rumänien und Litauen; 15 % Kinderarmutsquote,

Einkommensungleichheit im Verhältnis 1:5 heißt: Menschen im wohlhabendsten Fünftel der Bevölkerung verfügen über fünfmal so viel Einkommen wie Menschen im ärmsten Fünftel. Das ist bedeutsam, hängt doch auch der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland stark vom Einkommen der Eltern ab. Damit ist es nicht verwunderlich, dass nur 60% der 15-Jährigen die Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik erreichen und nur 46 % der Jugendlichen aus benachteiligten Familien diese grundlegenden Kompetenzen erreichen; macht Platz 34 von 41 für Deutschland. Irland, Slowenien und Korea belegen die Plätze 1-3. Das Einkommen der Eltern ist in Deutschland auch ausschlaggebend für mentale und körperliche Gesundheit. Wenn man dann noch die letzte Studie der Handwerkskammer zum Digitalverhalten liest und erfährt, dass in ärmeren Familien der exzessive Gebrauch digitaler Medien weitaus höher ist und dieses wiederum zur Einschränkung kognitiver Fähigkeiten führt, fragt man sich, warum hier seitens der verschiedensten Bundesregierungen nicht wirksam gegengesteuert wurde und wird durch Schaffung ausreichender Tariflöhne und Steuererleichterungen für Einkommensschwache sowie Deckelung von Mieten und Preisen für Leistungen der lebensnotwendigen Versorgung mit Strom, Heizung, Wasser, Transport, Internet, Grundnahrungsmitteln, medizinischer Betreuung und der Beschränkung der Wirksamkeit sozialer Medien und Gamingplattformen für Kinder und Jugendliche.

Warum gibt es kein flächendeckendes, bezahlbares gesundes Mittagessensangebot an Schulen, wenn bekannt ist, dass industriell hoch verarbeitete Nahrungsmittel, zucker- und kohlenhydratreiche Lebensmittel zwar billig sind, aber fett, dumm und krank machen. "Dumm regiert sich besser?" "Die hohle Birne lässt sich besser wegschießen?" wie Lisa Eckert sagt.

Die jahrzehntelange Ignoranz des Abwärtstrendes bei Kindeswohl und Bildungschancen durch unsere Regierungen lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass dies Absicht ist. Zum Dank werden sie von ihrem dumm und/oder arm gehaltenen Stimmvieh immer wieder gewählt, obwohl alles immer schlimmer wird.

"Ökonomische Benachteiligung ... beeinträchtigt den gesamten Alltag von Kindern.")1

Sie äußert sich nicht nur in geringen Löhnen und dem durch die finanzielle Unsicherheit verursachten Stress, sondern vor allem auch in schlecht ausgestatteten Schulen und Kitas, schlechten und beengten Wohnverhältnissen, weil etwas Besseres unerschwinglich ist, in benachteiligten Nachbarschaften ohne Infrastruktur, Kinderärzte, Spielplätze, Grünflächen.

Was machen denn die Niederlande, die auf Platz 1 des UNICEF-rankings zum Kindeswohl stehen, anders?

Man findet verschiedene Angaben:

  • Einkommensschwache Familien werden überproportional stark unterstützt durch eine vierteljährliche Basiszahlung von Kindergeld an alle, einen weiteren Zuschuss, je geringer das Gehalt ist.

  • frühe Integration in KITAS durch den Kinderbetreuungszuschlag, schnellere Rückkehr an den Arbeitsplatz,

  • mehr Bildungsgerechtigkeit durch späte Selektion: Erst am Ende der 8jährigen Grundschule werden die Kinder an weiterführende Schulen geschickt.

  • kostenfreie Gesundheitsversorgung für alle Kinder

  • einkommensunabhängige Grundsicherung (kindgebundenes Budget) statt peinlicher Bedarfsprüfung.

  • geringe Einwanderung in die Sozialsysteme von außen



Warum hat nun Irland so gute Bildungsergebnisse?

  • Frühstart mit Lesen , Schreiben, Rechnen im Kindergarten,

  • Ganztagsschule von 9.00 Uhr bis 16.00 Uhr,

  • gemeinsames Lernen landesweit, gleiche Pläne, gleiche Bewertungen, gleiche Prüfungen,

  • Alle gehen gemeinsam zur Grundschule und ab Klasse 7 gemeinsam zur Oberschule ohne Einteilung in Gymnasium o.ä.. Das Leaving Certificate ist eine zentrale Qualifikation und kann innerhalb der Fächer durch Prüfungen auf ordinary oder higher level erreicht werden.

  • Alle tragen eine Schuluniform.

  • Keine mündlichen Noten.


Es kristallisiert sich heraus, dass der das Chaos fördernde Bildungsföderalismus mit unterschiedlichen Curricula, Bildungsinhalten, Bewertungsmaßstäben, Abschlussprüfungen und die frühe Leistungsselektion an den deutschen Schulen zusätzlich zur Armut den Bildungserfolg von Kindern bestimmter sozial schwächerer Schichten beeinträchtigen.

Es hätte der Bundesrepublik gut getan, nach der Angliederung der DDR wenigstens deren gutes, von skandinavischen Ländern erfolgreich adaptiertes Schulsystem zu übernehmen.


Als wir DDR-Lehrer im Schuljahr 1991/92 zum ersten Mal im dreigliedrigen Schulsystem unterrichten und Schüler nach einem nicht bestandenen Probehalbjahr an eine andere "niedrigere" Schulform schicken mussten, sträubten sich mir die Haare ob dieser unwürdigen Vorgehensweise. Zwar wurde diese Praxis später zumindest in Berlin eingestellt, aber die Mehrgliedrigkeit und die Leistungsselektion blieben in Form von Gymnasien, Leistungskurssystemen in innerer und äußerer Differenzierung erhalten mit dem unhaltbaren Versprechen, dadurch jedem Kind individuell gerecht werden zu können. Das war von vorn herein gelogen, denn welcher Lehrer kann bei Binnendifferenzierung auf 2 oder mehr Niveaus in einem Klassenraum in derselben Unterrichtsstunde guten Unterricht machen, der sich nicht auf die Verteilung von Arbeitsblättern mit unterschiedlich schwierigen Aufgaben beschränkt? Ganz abgesehen davon, dass dieses "Unterrichten" auch immer voraussetzt, dass Schüler selbstständig Aufgaben bearbeiten können, was auf Dauer nur den wenigsten erfolgreich gelingt. Wie diskriminierend ist es auch, wenn Schüler gleichzeitig unterschiedliche Bücher oder Arbeitsblätter bekommen. "Ah, das Buch für die Dummies."

Äußere Leistungsdifferenzierung durch verschiedene Schulformen oder verschiedene Leistungskurse, sogenannte E- und G-Kurse, enthält immer einem Teil von Schülern bestimmte Bildungsinhalte vor, was auch bei Durchlässigkeit durch Schul- oder Kurswechsel kaum erfolgreich ausgeglichen werden kann.

Für einen Lehrer wie mich, dessen Pädagogikprofessor diese Formen von Leistungsselektion einst als "Mist" bezeichnete, ist der Fakt, dass ich damit arbeiten und zurechtkommen muss, eine bittere Pille im Berufsleben, die ich schlucke und immer wieder hochwürge.

Die ständige Verschlechterung der Bildungsergebnisse in diesem Land ist die Folge von Armut, Sparpolitik und einem antiquierten, hierarchischen Schulsystem sowie Hinterlassenschaft der wilden Reformsäue, die seit Beginn der 2000er Jahre planlos und aktionistisch "durch's Schuldorf getrieben werden".

Als da wären: jahrgangsübergreifendes Lernen, Inklusion, Verzicht auf den Erwerb einer Schreibschrift in den Grundschulen, "Schreiben nach Gehör", Verzicht auf Rechtschreibtests, Diktate und Aufsätze, Abschaffung eines systematischen Literaturunterrichtes, Verzicht auf das Lesen von Ganzschriften in Gänze oder Einführung des Lesens von Ganzschriften in vereinfachtem Deutsch, Verzicht auf Erlernen des vollständigen Einmaleins' in den Grundschulen, Abschaffung des fachspezifischen Unterrichtes in Physik, Chemie, Biologie, Geografie an den zehnklassigen Schulen ..... . Letztendlich alles Dinge, die mit Blick auf den kurzfristigen Einspareffekt etabliert oder abgeschafft wurden.


Systemwechsel brachte Kinderarmut und Bildungskatastrophe.




1 Kommentar


scheutzk
21. Mai

Ein guter Beitrag, v. a. da er von jemandem kommt, der im System steckt und offensichtlich weiß, wovon er schreibt.

Dein Blog gefällt mir und ich hoffe, Du arbeitest weiter daran.

Ich bin eine ehemalige Kommilitonin der HUB, die im Nachhinein dankbar ist, nicht im Schulsystem gelandet zu sein.

Inzwischen immer pessimistischer, was Veränderungen betrifft, bsuen mich aber Stimmen wie Deine wieder etwas auf.

Danke.

Gefällt mir
Ilka profilfoto

Über mich

Geboren in den 60ern in einem mittlerweile untergegangenen Land. Abitur, Studium, Beruf, Familie, dann quasi über Nacht ungewollt in einem anderen Land. Erwachen und seitdem auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen.

Mein Newsletter

Vielen Dank für Ihre Nachricht!

bottom of page