Erinnerungssplitter - mein "Denkarium"
- Ilka Haydam
- 15. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. März

Splitter # 1
Es gab in meiner Schule, der 11. POS, eine Schulbibliothek, deren eifrigster Kunde ich war. Für die Leihfrist von 14 Tagen hatte ich manchmal 10 Bücher ausgeliehen und „schwartete“ sie zu Hause weg, wie meine Oma sagte, mit der ich die Lust am Lesen teilte und die mit mir auch über die Bücher sprach, die ich gelesen hatte. Unser beider Favourit war die mehrbändige Reihe „Die Söhne der großen Bärin“ von Liselotte Welskopf-Henrich. Ihre Indianergeschichten, hart an der Realität, gut recherchiert und weit weg vom Klischee der Westernfilme, faszinierten uns. Gemeinsam besuchten wir auch die Verfilmung der beiden letzten Teile dieser Reihe mit Gojko Mitic als Häuptling Tokei – ihto. Dafür fuhr ich zum Wohnort meiner Oma im "Speckgürtel" von Leipzig. Natürlich benutzte ich den öffentlichen Nahverkehr.
Ich erinnere mich an zwei Erlebnisse in Nahverkehrsmitteln, die einen Eindruck von der Sorglosigkeit und Freiheit vermitteln sollen, mit der wir uns damals ohne Auto von A nach B bewegen konnten.
In den S-Bahnen der Stadt Leipzig, die ich benutzte, um meine Oma zu besuchen, hatten mich die kaleidoskopähnlichen Boxen fasziniert, in deren Schlitze man das Fahrgeld stecken musste und durch Herunterdrücken eines Hebels das Geld in hinter einer Scheibe befindliche Kreissegmente beförderte, während gleichzeitig aus einem anderen Schlitz der Fahrschein hervorkroch. 20 Pfennig einwerfen, einmal drehen, ein Segment mit Geld gefüllt, einen Fahrschein gezogen. Der beim Betätigen des Hebels sich wie ein Wurm herauswindende Fahrschein und das im Kaleidoskop immer weiter wandernde Geld faszinierten mich derartig, dass ich lange Schlangen von Fahrscheinen herauskriechen ließ, obwohl ich nur 40 Pfennig für meine Oma und mich eingeworfen hatte und nur zwei Fahrscheine hätte ziehen dürfen. Prompt kam der Schaffner und stellte mich zur Rede. Nachdem er gesehen hatte, welche Unbedarftheit hier gewaltet hatte, erklärte er mir lachend die Funktionsweise, verabschiedete sich und ging. Keine Strafe – Freiheit und Einsicht in die Notwendigkeit. Ich war danach immer ehrlich – ohne Zwang – eine wahre Anarchistin, auch 1982 noch, als es in den Bussen der Hauptstadt diese „einarmigen“ Boxen teilweise noch gab und der Fahrschein immer noch 20 Pfennig kostete. Wir saßen im Bus, der uns zu unserem Studentenwohnheim am Hauptbahnhof brachte. Als ein neuer Fahrgast einstieg, sahen wir gleich, dass er ein Fremder in dieser Stadt, wenn nicht gar in diesem Land war. Mit fragendem Blick schaute er uns an, seine Hand wies auf das Fahrkartenkaleidoskop. Während der Bus wieder anfuhr, überlegte ich kurz, wie ich ihm die Funktionsweise in Anlehnung an die Ausführungen jenes Leipziger Schaffners erläutern könnte. Irgendetwas in seiner Körperhaltung und sein wacher Blick veranlassten mich dazu, meinem Affen Zucker zu geben. Er müsse da oben hineinsprechen, sein Fahrtziel nennen und dann den Hebel betätigen. Mich traf ein angriffslustiger Blick, bevor er sich über den Geldschacht beugte, in süddeutschem Dialekt „Friedrichstraße“ sagte und den Hebel betätigte. Anschließend lachte der halbe Bus. Meine beiden Freunde und ich baten ihn um Entschuldigung, welche er lachend gewährte. Dann erklärten wir ihm, dass er mit dem Bus in die falsche Richtung fuhr. Wir stiegen gemeinsam aus, tranken am „Eck“ ein Bier und setzten ihn dann in den richtigen Bus, nicht bevor wir ihm die Funktionsweise des Fahrkarten“automaten“ erklärt hatten. Er konnte es nicht fassen, dass es nur 20 Pfennige kostete und man auch den Hebel betätigen konnte, ohne Geld einzuwerfen, was ein Fahrkartenkontrolleur nur dann bemerken würde, wenn er unmittelbar nach dem Bezahlvorgang kontrollieren würde. Wenig später gab es dann die Fahrscheinstreifen, die man vorher kaufen und dann entwerten musste. Für Studenten, wie ich es mittlerweile war, gab es eine Monatskarte, die 10 Mark kostete und es mir zusammen mit dem Studentenausweis erlaubte, in ganz Ostberlin mit allen öffentlichen Verkehrsmitteln herumzufahren. Die Fahrkarten für Studenten für Bahnreisen in die ganze DDR kosteten je nach Reiseziel maximal 10 Mark.

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