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Wie alles begann.

  • Ilka Haydam
  • 25. Dez. 2025
  • 54 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Als ich in der ersten Hälfte der 60er Jahre geboren wurde, betrug die jährliche Wachstumsrate des BIP in der DDR 4 %. Das Niveau des BIP je Einwohner in der DDR betrug 41 % des Niveaus eines Einwohners der Bundesrepublik, gestartet war die DDR 1950 mit 38 %. Die Drushba-Trasse, eine Erdölleitung, die die DDR mit sowjetischem Erdöl versorgte, war im Jahr meiner Geburt fertig gestellt worden, ebenso wie die riesige Raffinerie in Schwedt, die die DDR und auch zunehmend das Ausland mit komplexen Chemieprodukten belieferte.**

Die DDR begann, sich von den Folgen des 2. Weltkrieges und der Aufteilung Deutschlands, die für sie ungleich schwerwiegender gewesen waren, zu erholen. Die"Taktik der verbrannten Erde", bei der laut Befehl an die 7. Infanterie-Division der Wehrmacht "die größtmögliche Zerstörung der zu räumenden Gebiete"* vorgenommen worden war, zerstörte nicht nur große Teile der sowjetischen Wirtschaft, sondern auch in Ostdeutschland waren zwei Drittel aller Lokomotiven, über die Hälfte aller Personenzugwagen, 970 Eisenbahnbrücken und Fabriken und ein Drittel aller landwirtschaftlichen Maschinen vernichtet worden. In Westdeutschland dagegen hatte die industrielle Kapazität nicht entscheidend gelitten. Außerdem hatten die Täter (Adlige, Konzernherren, das Leitungspersonal des faschistischen Staates) bei ihrer Flucht in den Westen riesige Vermögenswerte mitgenommen. Zug um Zug rollte gen Westen, weil sie wussten, was sie bei der Ankunft der Roten Armee zu erwarten hätten. Auch die Hauptlast der Reparationen trug der Osten. "In DM ausgedrückt trug der DDR-Bürger eine mehr als dreizehnfach höhere Last als der BRD-Bürger."* Deshalb konnten Lebensstandard und Produktion nur halb so groß sein wie im Westen. Der vertragsbrüchige Westen stellte im Zuge des Kalten Krieges seine Reparationszahlungen an die Sowjetunion rasch ein. Außerdem verzichteten die West-Alliierten auf Reparationsforderungen."So blieb der am Boden liegenden Sowjetunion nur die Entnahme aus der SBZ/DDR. 2400 Betriebe wurden demontiert, darunter der gesamte Kraftfahrzeugbau sowie die Hälfte der Elektroindustrie, Eisenerzeugung, Werkzeugmaschinenbau und chemischer Grundstoffindustrie. 70% der industriellen Kapazitäten standen somit nicht mehr zur Verfügung. Dazu kam die Entnahme aus der laufenden Produktion, die sich noch schwerwiegender auf die wirtschaftliche Entwicklung der DDR auswirkte und auf Jahrzehnte nicht zu kompensieren war. So konnte die DDR in den ersten 8 Nachkriegsjahren fast ein Drittel ihrer gesamten Produktion nicht für den eigenen Aufbau nutzen, anders als in der BRD: Der Anteil an der Akkumulation am Bruttosozialprodukt, der hier für den Aufbau eingesetzt werden konnte, war doppelt so hoch." * Deshalb lag der Fokus in der DDR auf der Entwicklung der Grundstoffindustrie. Die Produktion von Dingen des täglichen Bedarfs musste zurückstehen, was große Unzufriedenheit in der Bevölkerung hervorrief. "So konnte erst 1958, 8 Jahre später als in der BRD die Lebensmittelrationierung überwunden werden."* Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den materiellen Lebensbedingungen machte viele Menschen empfänglich für Abwanderungspläne und Abwerbungsversuche (brain drain). "So entstand ein gewaltiger Sog. 50% von denen, die gingen, waren jung und hochqualifiziert. Allein in den 50er Jahren verließ ein Drittel aller Akademiker die DDR; ein riesiger Verlust, hatte man doch ihre Ausbildung teuer finanziert und brauchte die Leute dringend für den Aufbau. Für die BRD war das hingegen ein riesiger Profit von geschätzt 30 Mrd DM."*

Kein Wunder, dass man auf die Idee kam, sich dagegen zu schützen. Leider war der Bau der Mauer die denkbar schlechteste Lösung, die Abwanderung von Fachkräften und den Schmuggel hochwertiger Industriegüter in den Westen zu verhindern. Möglicherweise wäre es sinnvoll gewesen, zu sagen, wer in der DDR eine Ausbildung oder ein Studium genossen hat, kann nach einer gewissen Zeit (5-10 Jahre) das Land verlassen, wenn er es möchte. Vielleicht hätte schon allein die Existenz dieser Alternative bei vielen das Bleiben bewirkt. Während hingegen die schiere Unmöglichkeit, auf legalem Wege das Land zu verlassen, viele vor die Wahl "alles oder nichts" stellte. Erst ab 1964 war es DDR-Rentnern - Frauen ab 60 und Männern ab 65 - erlaubt auf Antrag bis zu 4 Wochen pro Jahr in die BRD zu reisen, was vielen getrennt lebenden Familien ein Wiedersehen bescherte.

Die in den 50er Jahren begonnene Industrialisierung der DDR, quasi aus dem Nichts, ohne Marshall-Plan, im Kampf gegen die verheerenden Auswirkungen der völkerrechtswidrigen, aus den Alleinherrschaftsansprüchen Westdeutschlands und der USA entstandenen Hallstein-Doktrin, im zähen Ringen mit dem CoCom-Embargo-Regime, das eine Isolierung der DDR-Wirtschaft von internationaler Forschung und Entwicklung bewirken sollte, und mit den Reparationsforderungen für die Sowjetunion belastet, konnte unter großen Mühen, aber erfolgreich fortgesetzt werden. 1963 wurde eine Reform der Planwirtschaft, die sogenannte Neue Ökonomische Strategie (NÖS), durchgeführt, die Leistungsboni für Arbeiter, mehr Eigenständigkeit der Betriebe und eine gewisse Dezentralisierung der Wirtschaft beinhaltete. Sie war recht erfolgreich und führte im Jahr meiner Geburt zu einem Anstieg der Arbeitsproduktivität um 7%.

Petrolchemische Industrie, Eisenverhüttung, Elektrotechnik, Optik, Maschinenbau entwickelten sich gut.

In einem solchen Maschinenbaubetrieb hatte auch mein Vater Arbeit gefunden. Der Betrieb stellte ihm und seiner kleinen Familie 1967 eine 2 1/2 - Zimmer - Neubauwohnung mit Fernheizung zur Verfügung, in der meine Mutter bis zu ihrem Tode im Jahr 2025 wohnte. Ich hatte also schon im zarten Alter von 3 Jahren ein eigenes Kinderzimmer und jede Menge Spielkameraden, die im selben Wohnblock wohnten und mit mir gemeinsam den Werkskindergarten besuchten Es war eine wunderbare Kindheit, tagsüber im Kindergarten spielen, malen, turnen, basteln, singen und am Nachmittag zu Hause mit den Eltern. An den Wochenenden gab es oft Ausflüge mit ihnen. Mein Vater war ein guter Sportler, spielte Wasserball und stand im Tor der einheimischen Fußballmannschaft, deren Punktspiele in der Kreisklasse meine Mutter und ich manchmal am Spielfeldrand verfolgten. Die Familie traf sich auch oft in der Gaststätte, die meine Großeltern bewirtschafteten, Restaurant, Saalbetrieb, Pensionsbetrieb. Meine Oma schmiss das alles mit unglaublicher Energie und mit Hilfe des Bier kutschierenden Opas. Dabei war das Leben nicht gerade freundlich mit ihnen umgegangen. Ihren Heimatort in Schlesien und die bewirtschaftete Schultheiß-Bierniederlassung hatten sie im Februar 1945 verlassen müssen. Meine Oma machte sich mit 2 ihrer Kinder, meinem Vater und seiner älteren Schwester, auf die gefährliche Reise im kalten Winter. Ihren ältesten Sohn, der in einem Nachbarort in die Lehre ging, musste sie zurücklassen. Sie sah ihn nie wieder. Bis heute ist sein Schicksal nicht aufgeklärt. Wir wissen nicht, ob er in "Hitlers letzter Reserve" verheizt wurde oder in Kampfhandlungen zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee geriet. Meine letzte Anfrage im Jahr 2017 zwecks Nachforschungen im Wehrmachtsarchiv blieb ebenso erfolglos wie alle anderen seitens meiner Oma bzw. meiner Tante vorher gestellten. Der Verlust ihres ältesten Sohnes und die Unwissenheit über sein Schicksal hatten meiner Oma schwer zu schaffen gemacht und sie den "Scheißkrieg" immer verfluchen lassen. All ihre Erzählungen waren prägend für mich und meine Einstellung zu Krieg und Aufrüstung. Aufgrund dieser leidvollen Erfahrung hing meine Oma ihre Liebe ganz besonders an ihre Tochter und ihren Sohn sowie an deren Kinder, meinen Cousin und mich. Sie verwöhnte uns geradezu mit allem, was möglich war. Vor allem bei Besuchen in ihrer "Kneipe" "fütterte" sie mich mit eigenhändig von ihr gebratenen Schnitzeln - den besten, die ich jemals zu essen bekommen sollte - und einer Tafel Vollmilchschokolade vom VEB Rotstern Thüringer Schokoladenwerke, der seit 1966 führenden Schokoladenmarke der DDR. Wenn es in ihrer "Kneipe" große Feiern mit Saalbetrieb gab, mussten meine Eltern sowie Onkel und Tante mit helfen. Ich schlief dann bei meinem Cousin, da die Wohnung seiner Eltern - eine Werkswohnung des VEB Zuckerfabrik, der Arbeitsstätte meines Onkels - in der Nähe der "Kneipe" lag. Diese Wohnung hatte noch Ofenheizung bzw. einen elektrischen Nachtspeicherofen im Kinderzimmer, wo wir schliefen. Es war im Winter viel kälter als in meinem ferngeheizten Zimmer und ich war froh, dass ich mich mit einem dicken Federbett zudecken konnte. Abenteuerlich empfand ich, mit der großen elektrischen Eisenbahn meines Cousins zu spielen, die, auf einem Plattengestell aufgebaut, einen großen Platz in seinem Zimmer einnahm. Die Entbehrungen und Kriegserfahrungen der Großeltern ließen sie und ihre Kinder, unsere Eltern, alles daran setzen, dass es uns Kindern an nichts fehlte. In den Sommerurlauben fuhren wir an die Ostsee, mal nach Dierhagen in eine Bungalowsiedlung, mal nach Markgrafenheide zum Zelten, im Winter zum Skifahren ins Gebirge. Mein Vater, der auch technisch und handwerklich sehr versiert war und sich vom Maschinenschlosser in einem Meisterlehrgang zum Industriemeister der Fachrichtung Metall weiter qualifiziert hatte, konnte einen blauen Trabant 600 erwerben, mit welchem wir zum Campen fuhren. Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf der Rückbank dieses Autos lag und die ganze lange Reise offensichtlich verschlafen hatte, denn ich wachte erst am Zielort wieder auf. Tante, Onkel und Cousin waren uns mit ihrem Moskwitsch, einem unverwüstlichen Auto sowjetischer Produktion, gefolgt.


Im Wohnzimmer unserer Neubauwohnung 1968 - meine Mutter und ihr zweitältester Bruder. Foto: Haydam auf ORWO-Dia-Film
Im Wohnzimmer unserer Neubauwohnung 1968 - meine Mutter und ihr zweitältester Bruder. Foto: Haydam auf ORWO-Dia-Film
Dierhagen - Bungalowsiedlung 1968: Auch im Urlaub muss das Auto gewaschen werden. Mein Vater und ich. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Dierhagen - Bungalowsiedlung 1968: Auch im Urlaub muss das Auto gewaschen werden. Mein Vater und ich. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film

Dierhagen 1968: Eis essen mit Vater und Oma (Muttis Mutter). Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Dierhagen 1968: Eis essen mit Vater und Oma (Muttis Mutter). Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Zuckerfabrik-Freibad Sommer 1967: Mein Vater hätte aus mir auch gern eine gute Schwimmerin gemacht. In solcher "Dreckbrühe" würde heute niemand mehr baden. Uns hat es nicht geschadet. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Zuckerfabrik-Freibad Sommer 1967: Mein Vater hätte aus mir auch gern eine gute Schwimmerin gemacht. In solcher "Dreckbrühe" würde heute niemand mehr baden. Uns hat es nicht geschadet. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
"Motorradbraut" - zu Besuch beim Schwiegervater 1967. Im Hintergrund sieht man die Fähnchen der Beflaggung zur Internationalen Friedensfahrt. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
"Motorradbraut" - zu Besuch beim Schwiegervater 1967. Im Hintergrund sieht man die Fähnchen der Beflaggung zur Internationalen Friedensfahrt. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Weihnachten 1968 - eine tolle Puppenstube gab's als Geschenk. Foto: Haydam auf ORWO Dia-film
Weihnachten 1968 - eine tolle Puppenstube gab's als Geschenk. Foto: Haydam auf ORWO Dia-film
Frühling 1966 - zum Sonntagsspaziergang machte man sich damals noch schick. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Frühling 1966 - zum Sonntagsspaziergang machte man sich damals noch schick. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Sonntagsspaziergang 2 1966: Für alle Fälle war der Wagen dabei. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Sonntagsspaziergang 2 1966: Für alle Fälle war der Wagen dabei. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film

Mein Vater begeisterte sich damals für viele Dinge. Neben dem Sport widmete er sich der Kakteenzucht, der Fotografie und er baute Lampen, Mikroskope und eine Hollywoodschaukel für den Kleingarten, den meine Eltern zur großen Freude der Mutter meiner Mutter erwarben. Alle Fotos, die hier zu sehen sind, wurden mit einer EXA 1b, einer Spiegelreflexkamera aus dem Ihagee-Werk Dresden, aufgenommen mit Belichtungsmesser. Außerdem experimentierte mein Vater noch mit verschiedenen Objektiven und Filtern herum. Er "schoss" hunderte von Dias auf ORWO-Farbfilmen, welche ich später digitalisierte. Seine Kamera benutzte ich noch bis 1995.


Laubenbau im Garten 1969: Natürlich baute mein Vater die halbfertig übernommene Laube selbst zu Ende, zusammen mit einer Außendusche über einer eingegrabenen Regentonne, mit der wir beide zum großen Schreck meiner Mutter ein Abhärtungsprogramm durchzogen. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Laubenbau im Garten 1969: Natürlich baute mein Vater die halbfertig übernommene Laube selbst zu Ende, zusammen mit einer Außendusche über einer eingegrabenen Regentonne, mit der wir beide zum großen Schreck meiner Mutter ein Abhärtungsprogramm durchzogen. Foto: Haydam auf ORWO Dia-Film
Am meisten freute sich Oma Änne, die Mutter meiner Mutter, über den Garten. Er wurde ihre zweite Heimat und sehr zu meiner Freude besuchte sie uns oft, obwohl sie in Leipzig wohnte, geschieden war und in 3 Schichten in einer Plastikfabrik arbeitete. Foto: Haydam auf ORWO DIA-Film
Am meisten freute sich Oma Änne, die Mutter meiner Mutter, über den Garten. Er wurde ihre zweite Heimat und sehr zu meiner Freude besuchte sie uns oft, obwohl sie in Leipzig wohnte, geschieden war und in 3 Schichten in einer Plastikfabrik arbeitete. Foto: Haydam auf ORWO DIA-Film

*Quelle: Ausstellungskatalog "Unentdecktes Land", 1. Auflage, Berlin 2019, S.7, 8, 9, 16, 17


Der (bittere) Ernst des Lebens.


Meine unbeschwerte Kindheit endete am 30. Januar 1970. Auf einer Dienstreise verunglückten mein Vater und weitere Arbeitskollegen tödlich. Zunächst erfuhr ich nichts davon. Unüblich war, dass meine Tante mich vom Kindergarten abholte und wir in ihre Wohnung gingen. Dort saßen bereits alle anderen Verwandten am Wohnzimmertisch. Meine Oma war in Tränen aufgelöst. Als es klingelte, lief ich in den Flur und sah meine Mutter und meine Tante, die sich weinend in den Armen lagen. In meiner kindlichen Naivität hatte ich zunächst gedacht, sie wären schmerzhaft mit den Köpfen zusammengestoßen. Später sagte mir meine Oma: "Dein Vater ist tot." Was das bedeutete, sollte mir erst in den folgenden Jahren bewusst werden. Der Maschinenbaubetrieb meines Vaters veranstaltete für die Verunglückten eine bewegende Trauerfeier. Die Hinterbliebenen erhielten eine fünfstellige Summe aus Versicherungs- und Entschädigungszahlungen sowie weitere, dauerhafte staatliche Zahlungen in Form von Hinterbliebenen- und Halbwaisenrenten. Nachdem ich 18 geworden war, wurde mir diese Rente immer im Sekretariat der Schule ausgezahlt bis zu meinem Schulabschluss, dem Abitur.

Meine Mutter, die seit meinem 3. Lebensjahr wieder eine Arbeit aufgenommen hatte, suchte sich eine besser bezahlte Stelle. Ich verbrachte nun mehr Zeit im Kindergarten, oft von 6.00 Uhr morgens bis 16.00 Uhr nachmittags. Das empfand ich allerdings nicht als schlimm, lernte ich doch dort eine Menge und als Einzelkind war mir die zeitweise Gesellschaft anderer Kinder auf jeden Fall lieber als immer allein mit Mutti zu sein. Vor allem mein Onkel, der Ehemann der Schwester meines Vaters, versuchte, mir den fehlenden Vater zu ersetzen. Er kaufte mir ein Fahrrad, brachte mir das Fahren bei. Mit ihm, meiner Tante und meinem Cousin fuhr ich in den Urlaub, als meine Mutter nicht konnte. Trotz ihrer Trauer gelang es meiner Mutter, mein Leben so normal wie möglich ablaufen zu lassen. U.a. sorgte sie dafür, dass ich noch vor der Einschulung in einem Schwimmkurs unterkam und das bronzene Schwimmabzeichen erwerben konnte, sodass ich beim späteren Schwimmunterricht in der 3. und 4. Klasse auf Gold aufstocken konnte.

Ich spielte mit den anderen Kindern, war oft draußen, wo wir mit Rollern, Fahrrädern oder Rollschuhen unterwegs waren. Der Tod meines Vaters hatte sich natürlich überall herumgesprochen. Erwachsene, die uns kannten, und die Kinder zeigten ihre Anteilnahme oder boten Hilfe an. In der Hausgemeinschaft unseres Aufganges im Wohnblock war mein Vater sehr beliebt gewesen. Oft hatten in unserer Wohnung Feiern mit Nachbarn stattgefunden. Sie alle unterstützten meine Mutter und mich, wo sie nur konnten.

Trotz aller wirtschaftlichen Entwicklungshindernisse hatte es die DDR geschafft, ihre Industrieproduktion gewaltig zu steigern und einen hohen Prozentsatz davon zu exportieren, vor allem Maschinen und Ausrüstungen, die u.a. auch im Betrieb meines Vaters hergestellt wurden. Auch das kapitalistische Ausland kaufte gern die Industriegüter der DDR. So hatte z.B. Frankreich die Einfuhr von DDR-Maschinen bis 1970 verzehnfacht.*

Das Jahr 1970 war sowohl für mich als auch für die Ost-West-Beziehungen ein bedeutsames Jahr. Willy Brandt war Bundeskanzler in der BRD und seine Ostpolitik hatte den Konfrontationskurs seiner Vorgänger verlassen und eine neue Ära der Entspannung eingeleitet. "Wandel durch Annäherung" war sein Credo. Dies führte zu wichtigen Verträgen mit Moskau und Warschau und seinem berühmten Kniefall. Er akzeptierte die Existenz zweier deutscher Staaten, erkannte die Oder-Neiße-Grenze an und verpflichtete sich zur friedlichen Lösung von Konflikten. So legte er den Grundstein für den Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR 1972. Verdient erhielt er 1971 den Friedensnobelpreis.

Im September 1970 begann auch für mich eine neue Ära, der sogenannte "Ernst des Lebens", mit der Einschulung. Nachdem wir im Juni als Älteste aus dem Kindergarten mit einer großen Feier entlassen worden waren,

Entlassfeier im Kindergarten - Juni 1970. Wir drei "größten" Mädchen durften ein Gedicht aufsagen. Ich stehe rechts, hinter uns der Rest unserer Gruppe. Foto: privat
Entlassfeier im Kindergarten - Juni 1970. Wir drei "größten" Mädchen durften ein Gedicht aufsagen. Ich stehe rechts, hinter uns der Rest unserer Gruppe. Foto: privat

begann mein Leben als Schülerin in der neu erbauten Lenin-Oberschule in unserem Stadtteil.

Diese Schule war ein mit allen Voraussetzungen für den Unterricht nach dem polytechnischen Prinzip ausgestatteter Bau und besaß: großzügige Werkräume für den handwerklichen Unterricht im Keller, eine Turnhalle mit Umkleideräumen, einen Gymnastiksaal, 2 Lichthöfe im inneren Bereich sowie großzügige Außenanlagen für Sport, Spiel und Schulgartenunterricht, eine Schulbibliothek, eine große Aula mit Empore sowie einer Bühne mit Verbindung zum Musikraum und einer Terrasse, eine Schulküche zur Essensversorgung, Fachkabinette für Physik, Biologie und Chemie mit Anlagen für Schülerexperimente und teilweise im Auditoriumsstil, ein Kunstkabinett, helle Klassenräume in ausreichender Anzahl für die Zweizügigkeit von Klasse 1-10. Sie war ein Vorzeigeobjekt ihrer Zeit und es hieß, sie wäre hier in Zeitz gebaut worden, weil die Stadt der Wahlkreis von Erich Mielke, Minister für Staatsicherheit, gewesen war, einem jener Vertreter des Parteiapparates, der der DDR sehr schadete mit seinem stalinistischen Führungsstil und der geradezu paranoiden Überwachung und Verfolgung kritischer Geister in der DDR. Wegen Polizistenmordes floh er schon 1931 aus Deutschland in die Sowjetunion, wo er bis 1937 blieb. Er gehörte zum "Bodensatz der deutschen Kommunisten, die ins Exil in die Sowjetunion gingen und die stalinsche Säuberungsparanoia der 30er Jahre nur durch Denunziation anderer oder eigene Paranoia überlebt hatten."** Mit ihnen und ihren charakterlichen Schwächen an der Spitze der DDR war der Untergang vorprogrammiert, leider. Es konnte sie auch niemand und nichts davon überzeugen, wenigstens jenseits der 65, also dem offiziellen Renteneintritt für Männer in der DDR, zurückzutreten und jüngeren, klügeren Menschen das Regieren zu überlassen.

Davon wusste ich als Schülerin natürlich nichts und stolz trug ich nach der offiziellen Einschulungsfeier meine überaus schwere Zuckertüte nach Hause. Meine Oma, die nun alle ihre Söhne verloren hatte, schüttete all ihre Liebe in Form einer zweiten Zuckertüte über die Tochter ihres jüngsten, eben erst verunglückten Sohnes aus.


Eine 2. Zuckertüte voller Liebe. Mein Cousin musste mir beim Tragen helfen. Foto: Haydam
Eine 2. Zuckertüte voller Liebe. Mein Cousin musste mir beim Tragen helfen. Foto: Haydam

Die Lenin-Oberschule Zeitz, 11. Polytechnische Oberschule Zeitz, www.postkarten-museum.de
Die Lenin-Oberschule Zeitz, 11. Polytechnische Oberschule Zeitz, www.postkarten-museum.de

Ich genoss es von der 1. bis zur 8. Klasse, Schüler dieser Schule zu sein, deren Räume, Gänge und Toiletten immer sauber waren, weil sie täglich von einem zum Personalbestand der Schule gehörenden "Reinigungsgeschwader" gefegt, gewischt und geräumt wurden. Diese Frauen und Männer mit "Herz und Schnauze" waren nicht nur für die Sauberkeit der Schule zuständig, sondern in dieser Hinsicht auch eine erzieherische Instanz für uns Schüler.

Wenn ich die Sauberkeit meiner Schule von damals mit dem Zustand meines jetzigen Betätigungsfeldes vergleiche, dann ... .

Bildung war ein hohes Gut in der DDR und die polytechnische Ausbildung tat das Ihre, um aus uns "allseits gebildete Persönlichkeiten" zu machen. Lernen in jeder Form bereitete mir Freude und es fiel mir auch nicht schwer, dem Unterricht zu folgen und das Gebotene aufzunehmen. Anfänglich gab es Probleme im Sportunterricht. Ich war die körperlich Größte meines gesamten Jahrganges - Mädchen und Jungs einbegriffen - und hatte natürlich Schwierigkeiten, meine langen Gliedmaßen und den ungelenken Restkörper in Einklang zu bringen. Dabei wäre ich so gerne Tänzerin geworden, wurde aber wegen meiner Körpergröße nach der ersten Ballettprobestunde am Theater Zeitz mitleidig lächelnd verabschiedet. Nichtsdestotrotz liebte ich Musik und die Bewegung nach Musik, was mich in den Schulchor führte, der von unserem etwas despotischen Musiklehrer geleitet wurde. Viele Schüler fürchteten ihn, weil er so direkt und manchmal auch verletzend Disziplinverstöße kritisierte. Sie mochten ihn nicht, aber so war wenigstens ungestörter Musikunterricht möglich, der mir eine Welt erschloss: angeleitetes Singen, rhythmische Übungen und vor allem die qualifizierte Begegnung mit klassischer Musik, welche meine Liebe zu ihr für immer entfachen sollte. Leider hatte meine Mutter nicht verstanden, welche Bedeutung die Aussage jenes Musiklehrers bezüglich meines musikalischen Talentes hatte und es fiel ihr leider nicht ein, mich zum Instrumentalunterricht an der hiesigen Musikschule anzumelden, obwohl es empfohlen worden war und in der DDR nicht viel kostete. So blieb ich ohne höhere musikalische Ausbildung, welche mich sicherlich beruflich auf andere Pfade geführt hätte. Die Sportlehrerin war mit ihrer Werbung da viel erfolgreicher und brachte mich aufgrund meiner Körpergröße in den Handballverein, in dem auch meine Tante einst eine recht gute Spielerin gewesen war. Wahrscheinlich deshalb hatte meine Mutter nichts gegen meine Mitgliedschaft und so entwickelte ich mich vom ungelenken "Pferd", wie mich böswillige Mitschüler manchmal nannten, zur Sportskanone. Das Stangenklettern, das in Klasse 3 noch mit 5 bewertet worden war und mir eine den Gesamtdurchschnitt des Zeugnisses versauende 4 in Sport beschert hatte, war ab Klasse 4 kein Problem mehr und mit 15 war ich ein Ass im Kugelstoßen.

Ab September 1970 bis August 1974 sah mein Alltag nun folgendermaßen aus: Morgens um 6.30 Uhr verließ ich das Haus und ging ca. 5-7 Minuten zu Fuß zur Schule. In der Regel konnte man in den neu gebauten Wohngebieten alle wichtigen Einrichtungen fußläufig erreichen - Kindergarten, Schule, Ärzte, Post, Kaufhallen, Waschstützpunkt, Apotheke. Und so war es von Anfang an kein Problem, allein in die Schule zu gehen. Ich musste nicht einmal eine Straße überqueren. Ab 6.00 Uhr war der kostenlose Schulhort für Kinder der Klassen 1-4 geöffnet. Ganz entspannt begann der Schultag erst einmal mit Spielen. Dann war Unterricht von 7.55 Uhr bis 12.00 Uhr oder 13.00 Uhr, danach bis 16.00 Uhr Hortbetreuung, was bedeutete: Freizeitaktivitäten und Hausaufgaben erledigen.

Gemeinsam mit unserer Hortnerin aßen wir das in der Schulküche zubereitete warme Mittagessen. Vorher hatte es noch in der Milchpause gegen 10.00 Uhr einen Viertelliter Milch gegeben. Für die Milch und das Mittagessen erwarben wir Milchmarken für 20 Pfennig das Stück bzw. Essensmarken für 60 Pfennig das Stück. Anfänglich übernahm die Kassierung dieser Gelder unsere Klassenlehrerin, später, so ab Klasse 3, ging das im Rahmen der Schülerselbstverwaltung auf uns über. Ich war lange Zeit Milchgeldkassiererin. Dafür hatte ich eine Kasse und ein spezielles Buch, in welches ich die Namen der "Kunden" eintrug. An einem bestimmten Tag in der Woche musste ich die Einnahmen im Sekretariat der Schule abrechnen, die bestellten Milchmarken mitnehmen und an die Schüler austeilen, immer für eine Woche im Voraus. Es gab nie Probleme damit, außer einmal in Klasse 6. Da wurde mir das Milchgeld gestohlen. Ich wusste aber, von wem. Es kam nur eine in Frage. Ich konnte das unter "4 Augen" regeln, sodass mir kein Schaden entstand und ich es auch nicht an die große Glocke hängen musste. Das war der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft, die auch zu einer Lernpatenschaft wurde, in der ich mein Talent für das einfache Erklären von Sachverhalten entdeckte, was später zu meinem Beruf werden sollte. Überhaupt legte man an den Schulen der DDR großen Wert auf solidarischen Umgang miteinander und für das Erreichen der Lernziele und die Unterstützung schwächerer Schüler gab es sogenannte Lernbrigaden. In meiner Klasse waren alle Schüler Jungpioniere geworden, obwohl es keinen Zwang gab und wir kamen als Gruppe näher zusammen durch gemeinsame Erlebnisse, wie Wandertage, Pioniernachmittage und Treffen mit der Patenbrigade aus einem ortsansässigen Betrieb, die jede DDR - Schulklasse hatte und die Freizeitaktivitäten organisierte. Der sich dadurch ergebende Zusammenhalt klingt in unserer Klasse bis heute nach. Wir treffen uns regelmäßig aller 5 Jahre zum Klassentreffen.

Nachdem wir am Ende der 1. Klasse alle das Lesen und Schreiben in Schreibschrift gelernt hatten, gab es in der 2. Klasse ein Fach namens Schönschreiben. Von Anfang an waren wir dazu angehalten worden, mit einem Füller zu schreiben. Er gehörte zur obligatorischen Ausstattung eines jeden Schülers. Ich begann meine ersten Schreibversuche mit dem Kolbenfüller Markant. Irgendwie war ich aber feinmotorisch ein Tollpatsch, auch das Basteln im Kindergarten war mir ja nicht so einfach von der Hand gegangen. Im Fach Schönschreiben konnte ich also keine Lorbeeren gewinnen. Weil ich auch immer die nicht so stabilen Federn des Markant verbog, kam eines Tages die Idee auf, die Verwandten im "Westen", die uns immer zentnerweise nicht benötigtes Backpulver, Tortenguss, abgelegte Kleidung und manchmal den beliebten Kaffee oder Trinkkakao schickten, was sie von der Steuer absetzen konnten - wie ich später erfuhr - um einen Füller zu bitten. Sie erfüllten uns diesen Wunsch tatsächlich und ich erhielt einen "GEHA - Schönschreibpatronenfüllhalter". Ob es nun an der stabileren und etwas breiteren Feder lag oder an dem Patronensystem - ich entwickelte im Laufe der 3. Klasse wirklich eine schöne Handschrift, die meine Lehrerin dazu veranlasste, mir das Führen des Gruppentagebuches zu überlassen. Texte verfassen war schon immer meine Passion und nun konnte ich sie auch noch schön schreiben. Im Gruppenbuch der Klasse "tobte" ich mich aus, schrieb über jeden Pioniernachmittag, Wandertag, Zeugnisübergabe, Weihnachtsfeier, Faschingsfeier, Sportfest, Theaterbesuch, .... ich glaube, wir hatten das dickste Gruppenbuch und nachdem mir meine Oma zu meinem 9. Geburtstag auch noch eine Kleinbildkamera Smena SL, sowjetisches Erzeugnis, geschenkt hatte, klebte ich zu meinen Texten entsprechende Bilder noch dazu. Ich führte das Gruppenbuch bis zur 8. Klasse und nachdem ich nun einmal schön schreiben konnte, war es auch mit einem DDR-Füller kein Problem mehr. Außerdem hatte die DDR mit dem HEIKO JUNIOR dann auch einen guten Schreiblernfüller entwickelt, nur für mich eben zu spät.

1971 hatte Erich Honecker Walter Ulbricht als ersten Sekretär des ZK der SED abgelöst und war damit erster Mann im Staat. Möglich war dies vor allem durch die Unterstützung der Sowjetunion. Leonid Breshnew, dem damaligen ersten Mann im Staat, war die NÖS Walter Ulbrichts suspekt, obwohl sie sich an die von Lenin einst propagierte NÖP (Neue Ökonomische Politik) anlehnte. Unter Führung Erich Honeckers beschloss der VIII. Parteitag der SED eine Abkehr von den Reformen der 60er Jahre und legte neue Leitlinien für die Wirtschaft unter dem Motto der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" fest, wozu auch die Lösung des Wohnungsbauproblems als soziales Problem gehörte. Es begann ein Wohnungsbauprogramm mit riesigen Ausmaßen in der gesamten Republik. Auch mein Stadtteil wurde durch weitere Neubauten im Platanenweg erweitert, wo viele meiner Freunde aus meinem Wohnblock, die in kinderreichen Familien mit 3 oder mehr Kindern lebten, eine neue Wohnung mit mehreren Kinderzimmern bekamen. Wir trafen uns dann meist nur noch in der Schule oder im Sportverein. Die "Einzelkinder", wie ich eins war, blieben in unserer Straße wohnen. Es wurde also etwas stiller und unser Mädchenclub "Argusauge" - benannt nach einer Vorabendserie des allgegenwärtigen "Westfernsehens" -, der für die Unterhaltung der Kinder des gesamten Wohnblockes "Kulturprogramme" in Form von Kasperletheater oder "Revuen" in den Wäschetrockenräumen der Kellergänge aufgeführt oder die beliebte "Kellerhasche" organisiert hatte, löste sich auf. In dieser Zeit tat sich ebenfalls etwas Neues in Rundfunk und Fernsehen der DDR. Es entstanden Jugendsendungen, wie "Hallo - das Jugendjournal" auf Stimme der DDR, das nun die Sendungen von DT 64 im Jugendbereich ergänzte. Außerdem strahlte das DDR-Fernsehen regelmäßig die Sendung "rund" aus, die ebenfalls für ein junges Publikum konzipiert war und in der auch ausländische Bands, wie z.B. Middle of the Road, auftraten.

Das Jahr 1973 war dann sowohl international als auch national bzw. regional ein bedeutsames Jahr. Vor unserer Haustür wurde eine Kaufhalle eröffnet, sodass ich innerhalb von 2 Minuten, wenn ich die Treppen herunter sprang, einkaufen konnte. Wir konnten nun auch immer sofort sehen, wenn eins der seltener zu habenden Lebensmittel angeboten wurde, wie z.B. Tomaten im Frühjahr oder ungarische Pfirsiche im September. Oft wurden dann vor der Kaufhalle kleine Stände errichtet, an denen man diese Lebensmittel quasi vom LKW herab verkaufte. Für jede Person gab es 1 kg der begehrten Früchte, sodass sich oft mehrere Familienmitglieder getrennt voneinander anstellten, wenn größere Mengen benötigt wurden.

Besonders an den Winternachmittagen in der Vorweihnachtszeit streunten wir Kinder gern durch die Kaufhalle, um nach besonderen Süßigkeiten, Ananas oder Champignons in Dosen Ausschau zu halten und sofort Alarm zu geben, wenn die begehrten Leckereien angeboten wurden. Im Sommer war es vor allem das Moskauer Eis aus der 35.? Moskauer Brotfabrik, was unsere Begehrlichkeit weckte, weil es einfach lecker schmeckte und deshalb oft schnell ausverkauft war. Manchmal wurden vor der Kaufhalle auch Rostbratwürste gebraten, deren Duft in unser Küchenfenster zog und zum Kauf animierte. Als es in der BRD mal ein Problem mit der Kartoffelversorgung gab, hielten plötzlich die "Westautos" vor der Kaufhalle und ihre Kofferräume füllten sich mit Kartoffelsäcken, die, preislich als Grundnahrungsmittel subventioniert, für die "Wessis" ein Schnäppchen gewesen sein müssen. Bestimmt verkauften sie sie zu Hause zu horrenden Preisen weiter.

In Berlin traf sich die Jugend der Welt anlässlich der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Unter dem Motto der antiimperialistischen Solidarität trat dort auch Angela Davis, Wissenschaftlerin und Symbolfigur der Black-Power-Bewegung und Führungsmitglied der KP der USA auf. Sie war ein Jahr zuvor von der Anklage der "Unterstützung des Terrorismus" in allen Punkten von einem US-Gericht freigesprochen worden, nachdem sie 2 Jahre im Gefängnis von San Jose unschuldig inhaftiert gewesen war und ihr die Todesstrafe gedroht hatte. Die internationale Solidaritätsaktion für ihre Befreiung ist die erste Aktion dieser Art, an die ich mich erinnern kann. Genau so wie tausende andere DDR-Bürger hatte ich ihr im Rahmen der Aktion "Eine Million Rosen für Angela Davis." eine Postkarte mit einer gemalten Rose ins Gefängnis geschickt. Ich habe damals gelernt, dass man Menschen unter falschen Anschuldigen verhaften, verurteilen und hinrichten kann. Leider gab es auch in der DDR-Justiz solche Fälle. Das erfuhr ich aber erst viele Jahre später und es war eine riesige Enttäuschung für mich, da ja die DDR-Gründer einst angetreten waren, es besser zu machen.

Die nächste Solidaritätsaktion, an der ich mich aktiv beteiligte, war die Sammlung von Geld für die Befreiung des Generalsekretärs der KP Chiles, Luis Corvalan, der nach dem vom amerikanischen Geheimdienst unterstützten Militärputsch in Chile verhaftet worden war. 3 Jahre zuvor war mit der Regierung Salvador Allendes eine demokratisch und sozial orientierte Politik in Chile eingezogen. Die Kupferminen wurden verstaatlicht (man höre RENFT "Das Lied vom chilenischen Metall") und soziale Reformen für Landarbeiter und arme Bevölkerungsschichten durchgeführt. Das konnten sich die ausländischen Konzerne, deren Anteilseigner sich bisher an den Gewinnen aus dem Kupferbergbau bereichert hatten, und die Latifundistas nicht gefallen lassen. (Man sehe die Parallelen zu Venezuela heute - nur machen es die "Amis" jetzt gleich selbst, ohne erst Mittelsmänner zu finanzieren.) Mit ausländischer Unterstützung wurde eine militärische Opposition finanziert, die die gewählte Regierung stürzte und ein Blutbad unter ihren Anhängern anrichtete, das "Nine Eleven" Chiles im Estadio Nacional in Santiago de Chile. Wie heute auch, pellten sich damals die Putschisten und ihre Hintermänner ein Ei auf den internationalen Protest, von dem auch ich ein Teil war. Eine gelbe, mit Freiheitslosungen beklebte Kaba-Dose (aus dem "Westpaket"), in deren Deckel ich einen Schlitz geritzt hatte, fungierte als Sammelbüchse. Luis Corvalan wurde dann gegen den sowjetischen Dissidenten Bukowski ausgetauscht und sollte mein gesammeltes Geld dazu beigetragen haben, diesen Tausch zu organisieren und Herrn Corvalan den Flug in die DDR zu ermöglichen, so wäre mir das eine große Freude.

Die X. Weltfestspiele begannen am 2. August 1973 in Berlin. Einen Tag zuvor starb Walter Ulbricht und meine Freunde, die als Teilnehmer zu den Festspielen fahren sollten, befürchteten, dass es aufgrund der Staatstrauer keine Weltfestspiele geben würde. Das hätte sich die DDR aber gar nicht erlauben können, 25.000 geladenen internationalen Gästen und Millionen weiteren Besuchern abzusagen. Die Weltfestspiele fanden statt, allerdings ohne mich. Ich hatte gerade erst meinen 9. Geburtstag gefeiert und war natürlich noch zu jung für eine Reise nach Berlin.


Mein 9. Geburtstag versammelte die gesamte Verwandtschaft und meine Freundinnen in unserer Wohnung. Im Hintergrund sieht man an der Wand die sogenannte Diskotheque. Foto: Haydam
Mein 9. Geburtstag versammelte die gesamte Verwandtschaft und meine Freundinnen in unserer Wohnung. Im Hintergrund sieht man an der Wand die sogenannte Diskotheque. Foto: Haydam

Die "Diskotheque" war eine Regalkomposition aus speziellen Fächern für Schallplatten und den Abstellflächen für den Plattenspieler und seine Boxen. Den Plattenspieler (Stereo mit eingebautem Verstärker und 2 Boxen) hatte mein Vater noch gekauft. Er war mein Lieblingseinrichtungsgegenstand und unverwüstlich, denn ich benutzte ihn noch bis Mitte der 90er Jahre in meiner Arbeit. Das Foto zeigt mich mit großen Zahnlücken. Der Zahnarzt diagnostizierte ein Jahr später einen zu kleinen Kiefer, in dem alle Zähne keinen Platz haben würden. Deshalb dauerte es auch so lange, bis alle Zähne durchgebrochen waren. Ich musste ab 1974 regelmäßig, begleitet von meiner Mutter, zum Kieferorthopäden nach Weißenfels fahren, der mir eine Zahnspange verpasste, ein Riesenmonstrum aus einem Stück mit Drahtbügeln für die obere und untere Zahnreihe. Sie sollte bewirken, dass sich alle Zähne brav in Reih und Glied einfügten. Das gelang leider nicht, obwohl ich sie regelmäßig trug. Der Kiefer war nun mal zu klein und letztendlich mussten mir zwei obere und zwei untere Backenzähne gezogen werden, sodass mein Kiefer für immer 4 Zähne weniger beherbergte als der Durchschnittskiefer. Wenn ich daran denke, dass die kieferorthopädische Behandlung meiner Tochter in den beginnenden 2000er Jahren in einem anderen Land eine vierstellige Summe kostete, an der ich mich zumindest teilweise selbst beteiligen musste, frage ich mich immer wieder, wie die DDR es fertig gebracht hatte, allen Bürgern kostenlose medizinische Behandlungen zu Teil werden zu lassen, kostenlose Schwangerschaftsabbrüche unproblematisch zu gewähren und sogar die Pille kostenlos zu verteilen.


Wieder zu dritt.


Während ich also mit meinen Zähnen, dem Handball, dem Chor, meinen Freundinnen, der Schule und der internationalen Solidarität beschäftigt war, lernte meine Mutter einen neuen Mann kennen, was sie vor mir und allen anderen aber bis 1974 verbergen konnte. Heimlich, still und leise ließ sie ihn in unsere Wohnung, nachdem ich schon eingeschlafen war. Ebenso heimlich konnte er sich wieder entfernen, bevor ich morgens aufstehen musste. Erst nach meinem 10. Geburtstag wurden wir einander vorgestellt und durch die Eintragung ins Hausbuch beim Hausbuchbeauftragten, der in unserem Eingang wohnte, war er dann auch offiziell "berechtigt" in unserer Wohnung ein und aus zu gehen. Wir waren also nun wieder zu dritt und meine Mutter und ihr neuer Mann blieben für die nächsten 51 Jahre ein Paar, ohne verheiratet zu sein. Im Sommer 1974 fuhren meine Mutter und ich noch einmal zu zweit in den jährlichen Urlaub. Während ein Jahr zuvor der Ort Schönbrunn im Harz das Ziel gewesen war und 1971 Zingst auf dem Darß mit Oma im Hotel "Heidelberger Fass", ging es dieses Mal ans Oderhaff in ein Kaff namens Mönkebude. Eine patente Frau mit Herz und Humor vermietete zur Aufbesserung ihrer Rente ihre spartanisch eingerichtete Gartenlaube, deren Holzwände mit ihren Astlöchern den "Ohrenkneifern" zu Hauf Einlass boten. Wir verklebten mehrere Rollen von Heftpflaster, um die "Ohrenkneifer" draußen zu halten. Es gelang uns leidlich. Trotzdem war es aber auf jeden Fall ein toller Urlaub. In der Dorfkneipe machte ich Bekanntschaft mit "Berliner Weiße mit Schuss". Beim Bäcker gab es morgens die leckersten, frischen, warmen Quarktaschen der Welt und ich machte Bekanntschaft mit 2 Gleichaltrigen, die ebenfalls dort den Urlaub mit ihren Eltern verbrachten. Wir schlossen uns ihnen an, verbrachten gemeinsame Zeit am Strand des Oderhaffes und unternahmen gemeinsam einen Ausflug nach Swinemünde auf der polnischen Seite. Ich schoss jede Menge Fotos mit der Smena SL, meiner sowjetischen Kleinbildkamera, für die es leider nur schwarz-weiß Kleinbildfilme gab.


 Sommer 1974 Mönkebude: Baden im Oderhaff    Foto: Haydam auf ORWO-Kleinbildfilm
Sommer 1974 Mönkebude: Baden im Oderhaff Foto: Haydam auf ORWO-Kleinbildfilm


Sommer 1974 Mönkebude: Mit Hingabe dressierten meine Urlaubsfreundin und ich den Hund der Pensionswirtin. Foto: Haydam auf ORWO-Kleinbildfilm
Sommer 1974 Mönkebude: Mit Hingabe dressierten meine Urlaubsfreundin und ich den Hund der Pensionswirtin. Foto: Haydam auf ORWO-Kleinbildfilm

1975 schickten mich meine Mutter und ihr neuer Partner, die ich zukünftig meine Eltern nennen werde, zum ersten Mal ins Ferienlager des Betriebes, in welchem sie beide arbeiteten. Zusammen mit einem Bus voll anderer Kinder fuhr ich nach Bergen im Vogtland. Die Betreuer, das Personal und die Lagerleitung waren Kolleginnen und Kollegen meiner Eltern, die zum Teil noch nichts von deren Liaison wussten und so musste ich immer ein bisschen vorsichtig sein mit dem, was ich von zu Hause erzählte. Meine Mutter hatte befürchtet, dass ich in eine Gruppe mit den älteren Mädchen käme, da ich ja für mein Alter ungewöhnlich groß war. Beim Eröffnungs"appell" wurden wir in zwei Gruppen eingeteilt, eine "Große Gruppe" und eine "Kleine Gruppe". Wie meine Mutter befürchtet hatte, ergab die "Musterung" meiner Person eine Zuweisung in die "Große Gruppe" der 13-14jährigen Mädchen. Diese machten auf mich einen nicht so sympathischen Eindruck und ich wollte nicht das "Küken" unter den "Zicken" sein, sodass ich, den Anweisungen meiner Mutter entsprechend, darum bat, der "Kleinen Gruppe" zugeteilt zu werden, da ich ja erst 11 Jahre alt wäre. Das musste ich zunächst anhand meines Teilnehmerheftes beweisen, bevor ich der Gruppe der gleichaltrigen Mädchen zugewiesen wurde. Natürlich hatte ich für den Rest der Lagerzeit meinen Spitznamen weg "die Elfjährige". Aber das tat dem Spaß, den wir dort hatten, keinen Abbruch. Frühsport, Waldwanderungen, Pilze sammeln, im Steinbruch baden und von den steilen Wänden ins tiefe Wasser springen - was für Schwimmabzeichen Gold-Ilka kein Problem war - , Sportfest, Luftgewehrschießen, Disko, Lagerfest, alles "urst fetzige" Aktionen, die mich dazu veranlassten auch in den kommenden 2 Jahren wieder ins Ferienlager zu fahren. Meine Eltern kostete das eine zweistellige Summe für drei Wochen Vollverpflegung, Kulturprogramm und Übernachtung.

Im Juni 1976 erhielt die Familie "Zuwachs" in Form eines roten Skoda S 100, den mein "Stiefvater" gebraucht für 14.000 DDR Mark erwerben konnte, nachdem er zuvor die Fahrschule absolviert und die Prüfungen bestanden hatte. Meine Eltern fuhren als Erstes allein zum Campen an den Lipno-Stausee in der CSSR mit einem POUCH-Steilwandzelt mit Schlafkabine, das sie zuvor neu gekauft hatten. Sie nahmen mich aus Sicherheitsgründen auf dieser Anfängertour nicht mit. Zum Glück ging alles gut. Und die nächsten Camping-Urlaube verbrachten wir gemeinsam: 1977 Markgrafenheide, 1978 Hohe und Niedere Tatra, 1980 Anin im Böhmerwald. Wir liebten diese individuelle Art zu reisen, weil man unabhängig vom FDGB-Angebot jedes Jahr verreisen konnte, wohin man wollte im Osten. Das Campen in der CSSR war uns besonders lieb, weil die Campingplätze recht komfortabel waren und man dort abends ein Feuer machen konnte. Außerdem gab es gutes Essen (Knödel, Hörnchen, Fleisch, leckere belegte Brote, schmackhaftes Gebäck), gutes Bier, Krimsekt, Ölsardinen und Orangenjuice in Dosen. Wir genossen alles, ohne auf's Geld achten zu müssen. Denn wir konnten für 3 Personen umtauschen und wollten im Urlaub nichts einkaufen, sondern nur gut leben. Vorher mussten wir aber erst einmal die DDR-Grenze passieren. Das war für meine Eltern problematisch, weil sie nicht verheiratet waren und somit 3 Personen mit verschiedenen Namen im Auto saßen. Wir mussten bei jeder Grenzüberquerung das Auto auspacken, jeden Schlafsack aufrollen und jede Tasse umdrehen. Einmal waren vom letzten Urlaub noch 350 tschechische Kronen übrig geblieben. Meine Eltern hatten sich nichts dabei gedacht und sie ganz offensichtlich im Portemonnaie mitgenommen, um eine Reparatur am rostigen Auspuff des Skodas damit zu bezahlen. Allerdings war es so, dass man nur eine bestimmte Summe DDR Mark in Kronen umtauschen durfte. Somit waren 350 Kronen mehr im Portemonnaie als auf dem Umtauschstempel der Bank im Personalausweis verzeichnet war. Da die DDR-Grenzer bei der Ausreise sehr genau kontrollierten, entdeckten sie natürlich die überzähligen Scheine. Das war der Super-Gau. Wir mussten nicht nur alles auspacken, die Schlafsäcke aufrollen und die Bezüge der zusätzlichen Sitzkissen auf den Vordersitzen öffnen, sondern meine Eltern mussten mitkommen zur Leibesvisitation, während ich im Chaos der ausgepackten Sachen zurückblieb. Um die Zeit zu nutzen, begann ich schon mal wieder einzuräumen. Irgendwann kamen sie wieder. Sie hatten die Kronen abgeben und einen Einziehungsbescheid unterschreiben müssen. Als alles wieder verstaut war, ging es weiter. Die tschechischen Grenzer stempelten lediglich einen Einreisesichtvermerk in unsere Ausweise, fragten nach unserem Reiseziel und wünschten uns gute Reise.


Sommer 1978 auf dem Weg in die Hohe Tatra: In der Mitte unser Skoda, dahinter der Saporoshez einer uns begleitenden befreundeten Familie. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm, mit Praktika LTLZ
Sommer 1978 auf dem Weg in die Hohe Tatra: In der Mitte unser Skoda, dahinter der Saporoshez einer uns begleitenden befreundeten Familie. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm, mit Praktika LTLZ

Sommer 1978: Campingplatz in Strba Hohe Tatra Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978: Campingplatz in Strba Hohe Tatra Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika

Sommer 1978 Hohe Tatra: Auf dem Furkotsker Sattel bei Ölsardinen und Orangen Juice, der beliebten tschechischen Dosennahrung.     Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978 Hohe Tatra: Auf dem Furkotsker Sattel bei Ölsardinen und Orangen Juice, der beliebten tschechischen Dosennahrung. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978 Niedere Tatra: Campingplatz Tale. Nachdem es in Strba geschneit hatte, verließen wir die Hohe Tatra und schlugen unser Zelt in der Niederen Tatra auf. Hier war nicht nur das Wetter besser, sondern es gab auch warmes Wasser in den Campinplatzduschen. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978 Niedere Tatra: Campingplatz Tale. Nachdem es in Strba geschneit hatte, verließen wir die Hohe Tatra und schlugen unser Zelt in der Niederen Tatra auf. Hier war nicht nur das Wetter besser, sondern es gab auch warmes Wasser in den Campinplatzduschen. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika

Sommer 1978 Tale Niedere Tatra: Eins der beliebten abendlichen Lagerfeuer. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978 Tale Niedere Tatra: Eins der beliebten abendlichen Lagerfeuer. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika

Sommer 1978 Niedere Tatra: Tageswanderung zum Copok, dem höchsten Berg. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika
Sommer 1978 Niedere Tatra: Tageswanderung zum Copok, dem höchsten Berg. Foto: R.W. auf ORWO-Diafilm mit Praktika

Mein "Stiefvater" hatte auch sein Tonbandgerät ZK 120, ein polnisches Fabrikat, und seine Tonbänder mitgebracht. Da er sich für die Popmusik nicht so begeisterte, überließ er es mir und ich begann, es regelmäßig zu nutzen. Musikhören hatte bei mir und meiner Mutter immer eine große Rolle gespielt. An den Wochenenden lief immer die RTL-Hitparade von Radio Luxemburg, was wir über Kurzwelle empfangen konnten. Ab 1977 lauschte ich dann jeden Montagabend dem "Schlagerderby" mit Karl Ludwig Wolf vom Deutschlandfunk via Mittelwelle. Mit der Hand am Aufnahmeschalter des Tonbandgerätes, welches per Diodenkabel mit dem Radio, einem "Stern Elite" des VEB Stern-Radio Berlin, verbunden war, wartete ich auf die Hits meiner damaligen Lieblingsbands SWEET, BAY CITY ROLLERS, SMOKEY, RUBETTES, BONEY M. und besonders ABBA. Auch die DDR-Sender, Stimme der DDR und DT 64 brachten internationale Hits, oft mit progressivem inhaltlichen Anspruch. Vor allem das Format "Podiumsdiskothek" von Stimme der DDR war beliebt, spielte es doch immer eine halbe Stunde internationale Alben ohne sie durch die bei der "Tonbandgemeinde" verhassten Kommentare zu unterbrechen. Die Sendung war zum Mitschneiden konzipiert, weil natürlich in der DDR aufgrund ihrer nicht mit dem westlichen Währungssystem kompatiblen Mark nur wenige internationale Alben in Lizenz von AMIGA herausgebracht werden konnten. Von meinen Dresdner Verwandten weiß ich, dass es junge Leute gab, die mit ihren batteriegetriebenen Empfangs- und Aufnahmegeräten auf der jetzigen A 13 Richtung Berlin fuhren und hinter der sogenannten "Rias-Kurve" anhielten, um den "Rundfunk im amerikanischen Sektor" und seine Musiksendungen empfangen und aufnehmen zu können. So versorgten wir uns also mit der besten Musik aus Ost und West, hingen abends im Park ab und lauschten verzückt unseren "Stars" mit den damals in der DDR hergestellten Kassettentonbandgeräten ANETT und SONET.


Neue Horizonte.


Das Jahr 1978 brachte für die DDR und mich den Aufbruch in neue Welten. Im März war mein 14. Geburtstag, ich war Schülerin der 8. Klasse und das bedeutete für mich und die Mehrheit der DDR-Jugendlichen die Vorbereitung auf die "Jugendweihe", d.h. die feierliche Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen. Zunächst absolvierten wir verschiedene Jugendstunden. Unter anderem fuhr meine Klasse auch nach Buchenwald, wo wir nach einer Führung durch die KZ-Gedenkstätte von einem ehemaligen Insassen des KZs, der wegen seiner antifaschistischen Aktivitäten von den Nazis dort inhaftiert worden war, feierlich unterm Klang der Glocke des Gedenkstättenturmes in die FDJ aufgenommen wurden. Für mich war es ein bewegender Moment, aus der Hand dieses Veteranen meinen Mitgliedsausweis entgegenzunehmen. Diese Veranstaltung war, wie viele andere, Teil des gelebten Antifaschismus der DDR, der richtig und wichtig, aber in der öffentlichen Diskussion zum Dogma erstarrt war, mit Narrativen, an denen nicht gerüttelt wurde, wie z.B. die falsche Darstellung der Ermordung polnischer Intellektueller und Offiziere in Katyn 1940 durch den sowjetischen NKWD. In der öffentlichen Diskussion wurde dieses Massaker den deutschen Faschisten zugeschrieben. Ich weiß nicht, was sich die Geschichtsschreibung der DDR dabei gedacht hatte, denn eine solche Lüge kann man nicht aufrecht erhalten. Wahrscheinlich sanktionierte man diejenigen, die die Wahrheit verbreiten wollten, genau so wie man es heute mit denjenigen macht, die die wirklichen Ursachen für den völkerrrechtswidrigen Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine aufzeigen und damit die Mär vom "unprovozierten Angriff" ad absurdum führen. Dadurch diskreditierte und dikreditiert man sich nur selbst.

So kam es, dass auch in der DDR keine wirkliche öffentliche und wissenschaftliche Diskussion und Aufarbeitung der faschistischen deutschen Vergangenheit stattfand. Von dem, was in der BRD alles nicht passierte, will ich hier gar nicht reden. Fakt ist, dass auch nach 1990 die Chance für eine gemeinsame Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit nicht genutzt wurde.

Im zeitigen Frühjahr 1978 unternahmen beide 8. Klassen auf Einladung des MfS (s.o. Mielke) eine Jugendweihefahrt nach Berlin. Wir übernachteten auf einem Schiff, besuchten das MfS und seine interessante Ausstellung mit Artefakten vergangener Aktionen des, so glaube ich jedenfalls, recht erfolgreichen DDR-Auslandsgeheimdienstes. Meine Erkenntnis aus diesem Besuch war: Geheimdienste tun, was Geheimdienste tun müssen in allen Ländern. Nur das paranoide Misstrauen des DDR-Inlandsgeheimdienstes gegenüber seinen eigenen Bürgern war mir in seiner ausufernden Fülle nicht nachvollziehbar. Die Konfrontation der Systeme im Kalten Krieg war eine Erklärung und auch in den kapitalistischen, "freiheitlichen" Demokratien ging man mit wirklichen Gegnern nicht gerade demokratisch um, wenn ich an den McCarthyismus in den USA denke - die Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg und die Ausbürgerung von Charlie Chaplin sind da nur die prominenten Beispiele - oder an den Radikalenerlass, das KPD-Verbot sowie diverse Berufsverbotspraktiken in der BRD. Jedes System verfolgte seine Gegner, aber wie gesagt, die Gründer der DDR waren angetreten, es besser zu machen und sie hätten es besser wissen müssen. Denn durch die von ihnen flächendeckend praktizierte, unnötige, kleingeistige, engstirnige, ideologisch verbohrte Überwachung der eigenen Bürger verspielten sie den Rückhalt in der Bevölkerung. Die Führungen der DDR und auch der Sowjetunion hatten offensichtlich nicht erkannt, welche historische Chance einer echten Alternative zum erdzerstörenden, in jeder Hinsicht skrupellosen Kapitalismus sie in der Hand hielten. (Dass er das ist, war nie deutlicher zu sehen als jetzt, da er die Larve der "wertebasierten Ordnung" abgeworfen hat.) Denn sie haben sie leichtfertig durch Verbohrtheit und Dummheit verspielt. In den westlichen Ländern hatte man viel eher und deutlicher erkannt, welche "Gefahr" für ihre Gier nach Reichtum und Macht die Länder darstellten, die versuchten, einen sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsweg einzuschlagen. Deshalb diskreditierte und verleumdete man sie auch, legte ihnen Steine in den Weg, versuchte regime changes oder unterstützte Putsche, wo man nur konnte. "Die Lügen so saftig und die Wahrheit so trocken." Letztendlich scheiterte der Versuch einer neuen Gesellschaftsordnung an der Störung von außen und den unpassenden Reaktionen und Entscheidungen von innen.

Zurück ins Jahr 1978. Zum Berlinbesuch gehörte auch ein Abend im alten Friedrichstadtpalast, mit seiner europaweit bekannten Showbühne. Alles in allem war diese Jugendweihefahrt ein unvergessliches Erlebnis, das kaum getoppt werden konnte von der eigentlichen Jugendweihefeier im Mai 1978. So weit ich mich erinnern kann, nahmen trotz der Möglichkeit, auch konfirmiert zu werden, alle meine Klassenkameraden an dieser Feier teil, die in der Aula unserer Schule offiziell begann und dann im Kreise der Familien fortgesetzt wurde.


1978 vor dem Glockenturm in Buchenwald  Foto: IM
1978 vor dem Glockenturm in Buchenwald Foto: IM

1978 Jugendweihe in der Aula der Lenin-Oberschule  Foto: privat
1978 Jugendweihe in der Aula der Lenin-Oberschule Foto: privat

Wir waren jetzt junge Erwachsene und unsere Lehrer fragten uns allen Ernstes, ob sie uns siezen sollten. Ich glaube, allen kam das komisch vor und keiner wollte es wirklich. So blieb es also beim "du" für uns.

Die neuen Horizonte öffneten sich für mich nun Schlag auf Schlag: Personalausweis, erste Diskobesuche im Jugendklubhaus, Ferienjob auf dem Milchhof, wie schon erwähnt, die erste Auslandsreise mit Stempel im Personalausweis und vor allen Dingen: Ich wechselte die Schule. Ich war ja schon immer eine gute Schülerin gewesen und hatte jedes Jahr zur Zeugnisübergabe das "Abzeichen für gute Leistungen in der sozialistischen Schule erhalten". Deshalb hatte man mir nahegelegt, mich für die Aufnahme an die Erweiterte Oberschule zu bewerben, um das Abitur abzulegen. Die Aufnahmekriterien waren vor allem für Mädchen streng. Sie mussten einen Zeugnisdurchschnitt von mindestens 1,3 haben. Die Jungen durften schlechter sein und wenn sie gar noch signalisierten, eventuell nach dem Abitur eine Laufbahn als Berufsoffizier einschlagen zu wollen, dann war auch 3,0 noch in Ordnung. Ich weiß nicht, wie viele auf diese Weise, ihr Glück versuchten. Ich weiß nur, dass ein guter Freund von mir nicht aufgenommen wurde, obwohl er ein Matheass war und mir oft bei der Lösung der Mathematikolympiade-Aufgaben geholfen hatte, die ein DDR-weiter außerschulischer Wettbewerb waren, dessen Niveau weit über dem des schulischen Mathematikunterrichtes lag. Als Ablehnungsgrund musste seine schlechte Note in Staatsbürgerkunde herhalten, was in Klassen 7 und 8 wirklich ein "Scheiß"fach gewesen war, weil unsere Lehrerin es so borniert und staubtrocken unterrichtete, dass man wirklich masochistisch veranlagt sein musste, um da voll mitzuziehen. Ich hatte auch "nur" eine 2, was schon "schlecht" für meine Pläne war. Aber insgesamt reichte es noch für einen Durchschnitt von 1,2 und zusammen mit meiner Arbeiterklassenherkunft verschaffte mir das die Aufnahme an die EOS. 1978 war diese Herkunft nicht mehr so entscheidend für den Weg zum Studium wie in den 50er und 60er Jahren. Die Mitschüler, deren Eltern der Intelligenz zugerechnet wurden, schafften ebenfalls den Sprung an die EOS, was ja einer gewissen Logik nicht entbehrte, entsprangen ihre Eltern doch oftmals der Arbeiterklasse der 50er und 60er Jahre. Aus den beiden 8. Klassen der Lenin-Oberschule gingen 11 Schüler an die EOS, wo man sie zusammen in eine Klasse packte. Der Umstand, dass nahezu die Hälfte der Klasse sich schon gut kannte, führte möglicherweise zu dem guten Klassenverhältnis, welches sich entwickelte und bis heute anhält, denn auch diese "Truppe" trifft sich aller 5 Jahre zum Klassentreffen.

Mit Beginn unseres neuen Schuljahres an der EOS hatte auch die DDR neue Welten betreten - Siegmund Jähn flog vom 26.8. bis 3.9. zusammen mit Waleri Bykowski in den Weltraum und sie testeten die neue Multispektralkamera vom VEB Carl Zeiss Jena. Außerdem entwickelten DDR-Wissenschaftler und Ingenieure ein Weltraumnavigationssystem, das die Basis für alle heute genutzten werden sollte. Unser kleines Land war eigentlich ganz schön groß dank der guten Bildung und Arbeit seiner Bürger, nur die Oberen hatten ein "Ding an der Waffel". Obwohl sie dafür gesorgt hatten, dass die DDR - Bürger sehr gut gebildet wurden, waren sie nicht in der Lage, zu erkennen, dass es nun an der Zeit war, den gut Gebildeten die Führung des Landes zu überlassen. Den Grundstein hatten sie gelegt, wenn auch unter großen Schmerzen, aber nun wäre es an der Zeit gewesen, ehrlich Bilanz zu ziehen und abzutreten.

Stattdessen kamen sie auf die Idee, Wehrkundeunterricht auf den Lehrplan der allgemeinbildenden Schulen zu setzen. Ich weiß nicht, was die Bildungsministerin, Margot Honecker, dazu bewogen hatte. Auf jeden Fall wären wir im Schuljahr 1978/79 der erste Jahrgang gewesen, den diese Neuerung betroffen hätte. Es schien allerdings Probleme mit der Umsetzung zu geben und so streifte uns zunächst nur eine Ahnung davon in den Klassen 9 und 10. Ich konnte mich nur mit Hilfe meiner ehemaligen Mitschüler daran erinnern. Wir hatten ein paar Theoriestunden zu den Auswirkungen von ABC-Waffen und welche Schutzmaßnahmen man dagegen ergreifen könnte. (Als ob man sich dagegen schützen könnte.) Diese Theoriestunden fanden teilweise in der Schule und teilweise in einer Einrichtung der SED-Kreisleitung statt, wo ein lustloser Ausbilder lustlose Schüler davon überzeugen wollte, dass man einen atomaren Angriff überleben könnte, so als hätte es Hiroshima und Nagasaki nie gegeben. Erst Gorbatschow setzte 10 Jahre später die Erkenntnis in die Tat um, dass Abrüstung und Zusammenarbeit der beste Schutz vor Angriffen sind. Der nachträgliche Arschtritt des Westens in Form der NATO-Osterweiterung war wohl seine größte Enttäuschung. Wahrscheinlich hatten sich unsere Entscheider in der DDR keine Illusionen über den Weltherrschaftsanspruch des NSW (nicht sozialistisches Wirtschaftssystem) gemacht und ließen uns deshalb Schießübungen mit Luftgewehren auf dem Dachboden der Schule durchführen. Es gab außerdem ein Lehrbuch für Zivilverteidigung, aber keine Ausweisung das Faches auf dem Zeugnis und keine Zensuren. In Klasse 11 verbrachten die Jungen 3 Wochen in einem Wehrkunde-Lager in Thüringen und wir Mädchen verbarrikadierten uns atomsicher in der Schule und übten das Anlegen von Verbänden und weitere 1. Hilfemaßnahmen. Ab und zu wurden im Sportunterricht kleine Eierhandgranatenattrappen und Keulengranatenattrappen verteilt, die wir dann in die als Ziel ausgelegten gelben Plastikringe (Hulahopp-Reifen) werfen mussten. Das kam höchstens ein oder zweimal vor, weil alle das als ziemlich makaber empfanden. Das war jedenfalls mein Eindruck. Unsere jetzigen Regierungen reden ja wieder von "Kriegstüchtigkeit". Frau Stark-Watzinger wollte, Herr Dobrindt und Frau Prien wollen, dass Schulen ebenfalls wieder "kriegstüchtig" werden und reden von "Wehrunterricht" in den Schulen. Alter Wein in neuen Schläuchen - zum Kotzen.

In den Sommerferien 1979 nahm ich gemeinsam mit einigen Mitschülern am sogenannten "Lager für Arbeit und Erholung" teil, das in Halle stattfand. Das bedeutete, man arbeitete eine gewisse Zeit für Geld und hatte dann Freizeit, in der wir abends Halle "unsicher" machten. Unterkunft bezogen wir in einer Schule. Unsere Arbeit bestand darin, die Fenster im neu gebauten 2. Gebäude des Jugendgefängnisses "Frohe Zukunft" zu putzen. Wir "fuhren also jeden Tag ein" und hinter uns schlossen sich krachend die Gefängnistore. Dann putzten wir 6 Stunden die Fenster im neu gebauten Gebäude, die bereits vergittert waren. Natürlich durften wir auch das Gelände nicht verlassen und mussten dort in der Kantine zu Mittag essen. Wir konnten den Alltag der jungen Häftlinge beobachten, die morgens in Reih und Glied zur Ausbildung und Arbeit in einen anderen Teil des Gefängnisgeländes gingen. Manchmal hatten sie frei und blieben in ihren Zellen. Nachdem sie mitgekriegt hatten, dass junge Mädchen im Gebäude gegenüber die Fenster putzten, standen sie am Fenster ihrer Zellen, und versuchten mit obszönen Gesten unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Damals hatte ich gedacht, dass sie zwischen 18 und 25 Jahren alt waren. Und ich empfand Übelkeit bei dem Gedanken, eingesperrt zu sein, wozu auch die vergitterten Fenster beitrugen, die wir täglich putzten. Ich stellte mir vor, dass diese jungen Menschen schlimme Taten begangen haben mussten. Denn sonst würden sie ja hier nicht "sitzen". Dieses Erlebnis hinterließ bei mir einen starken Eindruck und beschäftigte mich noch lange.

2024 besuchte ich eine vom Halle Forum organisierte Weiterbildung für Geschichtslehrer zum Thema "Strafvollzug in der DDR, speziell in den Gefängnissen ROTER OCHSE und FROHE ZUKUNFT. Hier erfuhr ich, dass Strafgefangene in der DDR arbeiten mussten, aber auch dafür entlohnt wurden. (so wie heute auch) Außerdem lernte ich, dass sich BRD-Konzerne, wie ALDI oder Elektrobetriebe bzw. IKEA in Schweden an der Arbeit der DDR-Häftlinge eine "goldene Nase" verdienten. Sie ließen Produkte, wie Strumpfhosen, Kleinelektrogeräte oder Kleinmöbel von Strafgefangenen in der DDR produzieren. Die DDR erhielt dadurch Devisen, die Häftlinge etwas Geld als Starkapital nach ihrer Entlassung, aber den großen Reibach machten die Westkonzerne. Getreu der Marxschen Erkenntnis, wonach der Mehrwert und damit der Profit darauf beruht, dass die Ware Arbeitskraft wesentlich weniger Lohn erhält, als der durch sie geschaffene Wert wert ist, war der Gewinn und damit die Rendite der Anteilseigner von ALDI, IKEA und Co, wahrscheinlich exorbitant hoch, mussten sie doch nichts für die Ware Arbeitskraft bezahlen. Nur IKEA hat übrigens Entschädigungen für die Arbeiter von damals bezahlt. Das war eine aufschlussreiche Weiterbildung, in der ich auch erfuhr, dass das DDR-Strafregime für Jugendliche ziemlich rigide war und man ab 16! schon für kleinste Vergehen, wie Mopeddiebstahl, ins Jugendgefängnis kommen konnte. D.h. die jungen Menschen, die ich damals gesehen hatte, waren u.U. jünger als 18. Immerhin bekamen sie dort eine Berufsausbildung, aber ob das ein Trost ist.... ?

Auch die in Freiheit lebenden Jugendlichen gingen im Rahmen des polytechnischen Bildungsprinzipes "in die Produktion", d.h. ab Klasse 7 hatten wir einmal pro Woche Unterricht in der Produktion in Theorie und Praxis. Die Theorie nannte sich ESP = Einführung in die sozialistische Produktion. Dort lernten wir grundlegende Dinge über Produktionsabläufe, Steuerung, Regelung, bauten Schaltkreise und mussten "technisch zeichnen", was mir Anfangs auch wieder sehr schwer fiel. Darstellung von Körpern in verschiedenen Ansichten, gezeichnet mit verschieden dicken Linien mit Hilfe von Bleistiften unterschiedlicher Härtegrade - der Wahnsinn, der einen zu Genauigkeit und sauberem Arbeiten zwang. Am meisten freuten wir uns aber auf die B-Woche, denn da gingen wir wirklich in die Produktion. In den Klassen 7 und 8 halfen wir den Werktätigen des VEB ZEKIWA, damals europaweit einer der größten Hersteller von Kinderwagen, bei der Planerfüllung, indem wir am Fließband Verdecklaschen annieteten oder bei der Rädermontage zugriffen... was auch immer von ungelernten Kräften erledigt werden konnte und den Arbeitsschutz Minderjähriger nicht untergrub, wir taten es 6 Stunden jeden 2. Dienstag in der Woche. Voller Stolz frühstückten wir dann mit den Arbeitern in der riesigen Betriebskantine, Brühe mit Ei war der Hit. Noch beliebter wurde PA (Praktische Arbeit), so hieß das Fach, in den Klassen 9 und 10 im Maschinenkabinett, der Elektrowerkstatt oder der Autowerkstatt des VEB ZEMAG, dem Betrieb, für den mein Vater gearbeitet hatte und in dessen Auftrag er die Dienstreise unternommen hatte, die ihm den Tod brachte. Natürlich wurde ich von einigen Arbeitern immer noch teilnahmsvoll angesprochen, nachdem mein Name bekannt geworden war, sogar beim Frühstück in der noch größeren Betriebskantine.

Wir wurden in drei Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe arbeitete eine gewisse Zeit lang an einem der Einsatzorte. Am beliebtesten war der Unterricht im Maschinenkabinett an Dreh-, Bohr- und Fräsmaschinen. Wir stritten uns jedes Mal darum, wer an der Drehmaschine arbeiten durfte. Am Ende kam ich da ziemlich häufig zum Einsatz, weil die Teile aus meiner Produktion zum großen Teil nicht im Ausschuss landeten, sondern verwendet wurden. Wir mussten aus zylinderförmigen Stahlstücken kleine Rollen drehen, welche, an einem Stahlseil aneinandergereiht, im Bremskasten des Autodrehkranes (ADK) oder Raupendrehkranes (RDK), den Spitzenprodukten des Betriebes, zum Einsatz kamen. Die Arbeitsabläufe an der Drehmaschine - Plandrehen, Ansatzdrehen, Zentrieren, Bohren - und die benötigten Maßeinstellungen gingen mir schnell und genau von der Hand. Es machte wirklich Spaß. Und der Ausbilder fragte mich einmal, ob ich nicht eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiterin aufnehmen möchte. Da ich aber unbedingt studieren wollte, wurde daraus nichts.

In dieser Zeit begann auch meine "Jeans-Ära". Im Urlaub in der Niederen Tatra war ich mit einem Mädchen zusammengetroffen, die aus Cottbus kam und dort ebenfalls mit ihren Eltern zeltete. Sie trug Jeans. Ich hatte mich bis dahin noch nicht so intensiv um ein modebewusstes Aussehen gekümmert. Zwar gab es immer mal abgelegte Kleidung unserer Westverwandtschaft, welche meine Oma mitbrachte, wenn sie von ihren Rentnerreisen in die BRD zurückkam, aber Jeans hatte sie nie im Gepäck gehabt. Mir war das auch relativ egal gewesen bis zu jenem Urlaub, in dem wir 14jährigen Mädchen abends auf dem Campinplatz "herumstrolchten" und dabei die Bekanntschaft tschechischer Jugendbasketballer machten, welche dort ein Trainingslager hatten. Natürlich war meine Cottbusser Freundin in ihren Jeans die begehrtere Gesprächspartnerin dieser Jungen, woran auch mein besseres Englisch nichts änderte. Mir gefielen ihre Hosen ja auch besser als meine aus DDR-Chemiefasern hergestellten. Als mich meine Oma später mal wieder fragte, ob ich einen Wunsch hätte, den sie mir während ihrer nächsten Westreise erfüllen könnte, bat ich sie zum ersten Mal um etwas, nämlich darum, mir ein paar Jeans mitzubringen. Wir ermittelten meine Körpermaße und ich wartete gespannt auf ihre Wiederkehr. Sie hatte tatsächlich Jeans mitgebracht, welche getragen waren. Beim Anprobieren entdeckte ich innen zwischen den Beinen noch einen Blutfleck, der sich offensichtlich allen Reinigungsversuchen widersetzt hatte. Ich gab ihr die Hose zurück und lehnte es auch fortan ab, je wieder abgelegte Sachen der Westverwandtschaft anzunehmen. Das hatte ich doch nicht nötig - und die DDR auch nicht. Denn ab 1978 wurden in den VEB Textilbetrieben in Mülsen, Rostock, Templin, Zwickau, Lößnitz ... ebenfalls Jeans mit nach Wildem Westen klingenden Namen, wie Wisent, Bison, Boxer, Shanty, Goldfuchs... hergestellt, die sich nach gewissen Anlaufschwierigkeiten nicht hinter den "West-Jeans" verstecken mussten.

DDR-Jeans - mit guter Passform. Zur Individualisierung hatte ich sie auch noch bemalt, was auf diesem Foto leider nicht zu sehen ist.   Foto: privat
DDR-Jeans - mit guter Passform. Zur Individualisierung hatte ich sie auch noch bemalt, was auf diesem Foto leider nicht zu sehen ist. Foto: privat

Jeans, Fleischerhemd und "Jesus-Latschen" gehörten bald zu meinem Standard - Outfit für Schule, Diskotheken und Jugendclubs, von welchen es in unserer Stadt mehr als 10, u.a. auch an unserer Schule einen, gab. Diskothek hieß in der DDR Jugendtanzveranstaltung und lief in Sälen von Dorfkneipen, Jugendklubs und Kulturhäusern ab. Unsere bevorzugte Jugendtanzveranstaltung fand in dem Dorf statt, in welchem meine Mutter geboren worden war, gelebt hatte und wo auch ich mein erstes Lebensjahr verbracht hatte. Die Dorfkneipe mit dem Tanzsaal befand sich gegenüber dem Wohnhaus meiner Großeltern. Der Tanz begann um 17.00 Uhr am Samstagnachmittag. Wir fuhren die 8 km mit dem Bus, mussten aber nach dem Ende um 22.00 Uhr oder später nach Hause laufen, was vor allem im Winter ein gewagtes Unterfangen war, aber uns nicht vom Tanzen abhielt, im Gegenteil der Weg zurück war Teil des "Abenteuers". In einem Winter gab es mal fast -20°C, wir trugen 2 Hosen, 2 Jacken, hatten Gesicht und Hände dick verpackt und achteten darauf, dass unterwegs keiner liegen blieb. Am Ortseingangsschild unserer Stadt stand oft ein Polizeiauto, mit dem auch schon mal besonders hilflose Personen nach Hause gefahren wurden. Die Polizei - dein Freund und Helfer!

Im Frühjahr 1980 absolvierten wir die Abschlussprüfungen zum Abschluss der "Mittleren Reife" - Abschluss der "Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule" der DDR. Es gab schriftliche Prüfungen in Deutsch, Mathematik, Russisch und einem naturwissenschaftlichen Fach (Physik, Chemie oder Biologie) sowie mündliche Prüfungen in weiteren Fächern.


Schriftliche Abschlussprüfungen Teil 1  Foto: www.yumpu.com
Schriftliche Abschlussprüfungen Teil 1 Foto: www.yumpu.com
Schriftliche Abschlussprüfung Physik, Aufgabenfragment  Foto: privat
Schriftliche Abschlussprüfung Physik, Aufgabenfragment Foto: privat
Abschluss der "ZEHNKLASSIGEN ALLGEMEINBILDENDEN POLYTECHNISCHEN OBERSCHULE" Foto: IM
Abschluss der "ZEHNKLASSIGEN ALLGEMEINBILDENDEN POLYTECHNISCHEN OBERSCHULE" Foto: IM

Während wir für unsere Prüfungen "büffelten", wurde auch die DDR-Wirtschaft einer harten Prüfung unterzogen. 1980 stiegen wegen einer internationalen Ölkrise die Ölpreise und auch die Sowjetunion verlangte für den Barrel Rohöl von der DDR inzwischen 15 US-Dollar statt vorher 2-3 Dollar.**

Die DDR verkaufte deshalb immer mehr Erdölprodukte aus ihren Raffinerien ins NSW für Devisen und wurde damit zu einem der größten Exporteure solcher fossilen Produkte. Ihr Export machte 28% der DDR-Exporte ins nichtsozialisitsche Ausland aus.**

Die Sowjetunion steckte in einer ziemlichen Wirtschaftskrise aufgrund ihres Engagements für die Unterstützung der Regierung in Afghanistan gegen die islamistischen, vom Ausland finanzierten und bewaffneten Mudshaheddin, wegen der immensen Kosten des Wettrüstens als Antwort auf den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung weiterer US-Mittelstreckenraketen in Europa 1979 und einiger Missernten. Das veranlasste die Regierung Breshnew, entgegen früheren Liefervereinbarungen, ihre Erdölexporte in die DDR um mehr als 10% zu senken, damit sie selbst mehr für Devisen verkaufen konnten.** Ein harter Schlag für die DDR, die wichtige Deviseneinnahmen verlor und nun wieder verstärkt auf Braunkohle als Energieträger setzen musste. So kam es, dass ich mit einer kleinen Gruppe von Mitschülern im Rahmen der WOA (wahlweise obligatorische Ausbildung) wissenschaftlich - praktische Arbeit im VEB Hydrierwerk durchführte, die sich mit Problemen der besseren Verarbeitung karbochemischer Produkte befasste. In der 11. und 12. Klasse musste jeder an wissenschaftlich-praktischer Arbeit in unterschiedlichen Bereichen teilnehmen, die seinen eventuellen beruflichen Vorstellungen irgenwie nahe kamen und dazu eine begleitende Hausarbeit verfassen. Ich hatte damals noch überlegt, Chemie zu studieren. Und so filtrierten wir Rohteere und starteten Versuchsreihen mit verschieden stark konzentrierten Zusätzen, um eine bessere Filtrierbarkeit zu erreichen. Dazu hatte man uns ein Labor mit allen Schikanen zur Verfügung gestellt. Während der Durchlaufzeiten des verdünnten Rohteeres maßen wir die Zeitdauer und spielten nebenher Skat. Manchmal dauerte es ziemlich lange, bis die eine oder andere Charge des Teeres durchgelaufen war. Also lernten wir nicht nur etwas über Rohteere und ihr Filtrierverhalten, sondern wurden auch leidlich gute Skatspieler.

An der Absicherung des Energie- und Wärmebedarfes der DDR durch Braunkohle waren meine Eltern an ihren Arbeitsplätzen ebenfalls beteiligt. Beide arbeiteten im VEB Kombinat Dampferzeugerbau, BT VEB Kesselbau Halle/Zeitz, meine Mutter als Sachbearbeiterin in der Abteilung Neue Technik. Mein Stiefvater war als Dipl.-Ing. (FH) in der Projektierungsabteilung mit der wärme- und strömungstechnischen Auslegung von Großdampferzeugern beschäftigt, die in Industrie- und Heizkraftwerken Turbinendampf zur Stromerzeugung, Prozessdampf für Industriebetriebe und Heizdampf für große Fernwärmenetze erzeugten. Der Bedarf an Elektroenergie wurde in der DDR hauptsächlich durch die Kohleverstromung in Grundlastkraftwerken (500 MW-Blöcke) gedeckt, welche auch jetzt noch notwendig sind, nachdem die vorletzte "zeitengewendete" Bundesregierung unter "Grüner" Federführung großzügig auf günstiges und umweltfreundlicheres russisches Erdgas und sogar das wichtige Erdöl verzichtet hat. Fehlendes Erdgas und Erdöl hatten schon 1980/81 und in den folgenden Jahren zum wirtschaftlichen Niedergang der DDR und ihrem Ende beigetragen. Wird Wirtschaft und Gesellschaft der BRD Gleiches widerfahren? Welche treuhänderischen Heuschrecken werden dann über ganz Deutschland herfallen? Auch heute liegt die Ursache in ideologischer Verbohrtheit und schweren wirtschaftlichen Fehlentscheidungen. Aus der Geschichte mal wieder nichts gelernt.


Aber nicht nur in der sowjetischen und DDR-Wirtschaft kriselte es 1980, auch in Polen war vor allem die Versorgungslage für die Bevölkerung schlecht, was sich in Streiks und der Gründung der Protestbewegung "Solidarnosc" äußerte. Wir schickten Solidaritätspakete nach Polen und durften das Land nur noch mit Einladung oder organisierten Reisegruppen besuchen. Im Staatsbürgerkundeunterricht der 11. und 12. Klasse, den wir bei unserem damaligen Schulleiter hatten, diskutierten wir über die Ereignisse in Polen. Nachdem bekannt geworden war, dass der polnische Regierungschef Edward Gierek und seine Frau sich auf Staatskosten Einkaufsreisen nach Paris gegönnt hatten, war die Enttäuschung über das sozialistische "Bruderland" groß. Die Absetzung von Gierek und die Machtübernahme durch General Wojciech Jaruzelski sowie die Ausrufung des Kriegsrechtes in Polen 1981 sorgten für große Beunruhigung in allen sozialistischen Staaten.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte meine Familie in keiner Weise Berührungspunkte mit dem Inlandsgeheimdienst der DDR. Ich wusste von seinem Wirken so gut wie nichts, bis auf die eher allgemeinen Dinge, die wir damals beim Besuch im MfS (siehe oben) erfahren hatten und es war deshalb auch unvorstellbar für mich, dass ein Mitschüler als Informant für den Staatssicherheitsdienst, kurz "Stasi"genannt, tätig werden könnte. Dass dies so gewesen war, erfuhr ich 1993 und somit erschien mir die Absetzung unseres Schulleiters zum Ende unserer Schulzeit an der EOS und die Einsetzung der Mutter jenes Schülers als neue Schulleiterin in neuem Licht. Allerdings sind die Erinnerungen daran stark verblasst und ich spekuliere hier, dass es möglicherweise die offenen Diskussionen waren, die wir mit unserem Schulleiter im Unterricht geführt hatten, die zu seiner Absetzung beitrugen. Die Lehrerinnen und Lehrer an unserer EOS habe ich generell in sehr guter Erinnerung. Viele von ihnen hatten einen Doktortitel und unterrichteten auf wissenschaftlich geprägtem Niveau, natürlich mit ihren persönlichen "Macken", aber wer hat die nicht. Ich fühlte mich immer zu guten Leistungen herausgefordert und "gewertschätzt", was nicht zuletzt in meinem Abiturzeugnis deutlich wurde.


Reifezeugnis der ERWEITERTEN ALLGEMEINBILDENDEN POLYTECHNISCHEN OBERSCHULE   Foto: IM
Reifezeugnis der ERWEITERTEN ALLGEMEINBILDENDEN POLYTECHNISCHEN OBERSCHULE Foto: IM

Nach schriftlichen Prüfungen in Deutsch, Mathematik, Russisch, Englisch und Chemie sowie mündlichen Prüfungen in Physik und Musik hatte ich das Abitur "in der Tasche". In der 11. Klasse hatte es eine Art Studienlenkung gegeben und meine Idee, Lehrerin zu werden, hatte sich zum entsprechenden Entschluss verfestigt. Lange überlegte ich, welche Fächer ich studieren sollte. Eine Zeit lang hatte ich mich auf Physik fokussiert, war ich doch in der POS schon Fachhelfer in diesem Fach gewesen und auch in der EOS interessierten mich physikalische Sachverhalte sehr. Mir wurde dann aber klar, dass meine Fähigkeiten wohl nur für den Schulstoff ausreichen würden und nicht für eine Weiterführung auf Universitätsniveau. Sprache und Literatur waren da viel mehr ausbaufähig und so kam es zur Bewerbung für den Studiengang Diplomlehrer für Deutsch und Englisch an der Humboldt-Universität Berlin. Ich wurde da auch ohne Probleme an der Sektion Germanistik immatrikuliert. Darüber war ich hocherfreut und meine Zukunft lag in rosigen Farben gesichert vor mir. Mit diesen Sicherheiten im Gepäck reiste ich im Sommer 1982 ans Schwarze Meer nach Rumänien. Meine Mutter hatte mir diese 3wöchige Flugreise, die vom DDR-Jugendreisebüro JUGENDTOURIST organisiert wurde, geschenkt als "Belohnung" für das gute Abitur. Zusammen mit einer Klassenkameradin und Freundin flog ich mit einer IL 18 vom Erfurter Flughafen nach Constanta in Rumänien. Mit uns an Bord waren wahrscheinlich auch die Lebensmittel für unseren Aufenthalt, denn die Versorgungslage in Rumänien war katastrophal. Die Urlaubsorte am Schwarzen Meer trugen Planetennamen - Venus, Mars... und Saturn, welcher unser "Urlaubsplanet" war.


Der Strand von SATURN vom Hotelbalkon fotografiert.  Foto I.H.
Der Strand von SATURN vom Hotelbalkon fotografiert. Foto I.H.

Wir wohnten in einem Doppelzimmer in einem akzeptablen Hotel mit Vollpension. Sehr schnell fanden wir heraus, dass die unterschiedlichen "Planeten" der Aufteilung der Urlauber nach ihrer Herkunft aus Ländern mit "harter" bzw. "weicher" Währung entsprachen. Auch hatten wir nur eine begrenzte Menge an DDR-Mark in rumänische Lei umtauschen können, sodass die Getränke in Bars und Restaurants von uns nicht nach Wunsch konsumiert werden konnten. Eine Möglichkeit der Aufbesserung der Urlaubskasse boten die Bitten rumänischer Frauen, unsere Unterwäsche kaufen zu dürfen. Das war uns aber zu unangenehm. Es gab allerdings in den Clubs, wo ein Cola-Wodka 40 Lei (10 DDR-Mark) kostete, auch immer junge Männer, die uns gerne zu einem oder mehreren Getränken einluden. Wenn sie zudringlich wurden, blieb uns manchmal nur die Flucht durch Toilette und Hintereingang. Es war ein lustiger Urlaub mit einem nicht so lustigen Ende. In der letzten Urlaubswoche hatten wir den Fehler begangen, bei einem Straßenhändler ein Erfrischungsgetränk zu trinken. Ein die Därme "zerfetzender" Durchfall war die Folge und nachts trommelten wir abwechselnd an die Toilettentür unseres Hotelzimmers, um die jeweils andere zum schnelleren "Entleeren" zu bewegen. Am Ende konnten wir kaum noch etwas bei uns behalten und die "Kohle"vorräte aus meiner Urlaubsapotheke waren aufgebraucht. Deshalb freuten wir uns darauf, endlich im Flugzeug heimwärts zu fliegen und von den Eltern am Flughafen abgeholt zu werden. Mir ging es zu Hause dann relativ schnell wieder besser, sodass ich keinen Arzt aufsuchen musste. Meine Freundin hatte nicht solches Glück und musste länger behandelt werden, weil sich der Durchfall als Ruhr entpuppt hatte. Deshalb kam sie in Quarantäne und konnte ihr Studium erst verspätet beginnen.

Ich dagegen kämpfte mit einer ganz anderen schlimmen Botschaft. Meine geliebte Oma Änne, die seit einigen Jahren in unserer Nachbarschaft gelebt hatte und die ich regelmäßig besucht hatte, war in meiner Abwesenheit an einem Schlaganfall gestorben. Die Oma hatte ich besonders ins Herz geschlossen, weil sie sich für mich sehr interessiert hatte, mit mir Bücher gelesen hatte, meine Musik gehört hatte und mit mir ins Kino gegangen war. Außerdem konnte sie, als gelernte Köchin, mich für das Kochen begeistern. Von der Vermittlung ihrer Kochkünste profitiere ich heute noch. Der Sommer 1982 endete traurig mit der Beerdigung von Oma und der Auflösung ihres Haushaltes. Hier trat ihr ältester Sohn wieder in Erscheinung, der mit seiner Familie in Berlin lebte und im Ministerium für Finanzen der DDR beschäftigt war, inklusive Dienstwagen und Fahrer, von dem er bei uns vorgefahren wurde. Der Onkel war der Halbbruder meiner Mutter, hatte er doch einen anderen Vater. Er kam 1933 in einem Heim des Hilfswerkes "Mutter und Kind" zur Welt, einer Einrichtung der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, nachdem meine Oma vom Sohn ihres Dienstherren "in andere Umstände" gebracht worden war. Einer ledigen Mutter blieb in dieser Zeit kein anderer Ausweg, als das Kind an einem solchen Ort zur Welt zu bringen. Mein Opa, der sich offensichtlich schon vorher in sie verliebt hatte, holte sie von dort mit dem fremden Kind in sein Elternhaus. Später bezahlte er für dieses Kind die Unterbringung und die Ausbildung auf einer weiterführenden Schule. Wahrscheinlich war aber die Ehe nicht glücklich, denn nachdem auch ihre zwei gemeinsamen Kinder das Elternhaus verlassen hatten, ließ meine Oma sich scheiden und zog in eine größere Stadt.

Wir teilten also Omas geringe Habseligkeiten auf und verabredeten mit meinem Onkel, dass ich die Nacht vor der Immatrikulationsveranstaltung bei ihm in Berlin verbringen sollte, damit ich am Morgen pünktlich in der Humboldt-Universität erscheinen konnte.


Aufbruch in die Eigenständigkeit


1982 erhielt jeder Student in der DDR ein Stipendium von 190 - 200 DDR-Mark. Der Platz im Studentenwohnheim am Ostbahnhof in Berlin-Friedrichshain, wo mir als Studentin der Sektion Germanistik ein Bett, ein Schrank und ein Stuhl in einem 4-Personen-Zimmer zugewiesen worden waren, kostete 10 Mark monatlich, die Monatsfahrkarte für die Berliner Verkehrsbetriebe ebenfalls. Für die Heimfahrkarte Berlin - Zeitz im Städteschnellverkehr, der 2 mal täglich diagonal durch die Republik fuhr, bezahlte ich als Student 7,50 Mark, zurück natürlich auch. Wir kauften diese Fahrkarten an den damals überall neu installierten Fahrkartenautomaten, für uns Inbegriff des technischen Fortschrittes. Der Städteschnellverkehr verband Thüringen und die Ostsee und fuhr von Gera über Zeitz, Leipzig ..... , Berlin nach Stralsund. An Sonntagabenden war er übervoll mit Studenten, Armisten und Lehrlingen, die an ihre jeweiligen Studienorte, Kasernenstandorte oder Ausbildungsorte fuhren. Da beim Einsteigen in Zeitz noch einige Plätze frei waren, reservierte ich immer einen für meine Kommilitonin und Zimmergenossin, die in Leipzig wohnte. Der Zug erreichte gegen 21.00 Uhr Berlin-Ostbahnhof. Von dort waren es ca. 300 m bis zum Studentenwohnheim. Nicht immer führte uns der Weg geradlinig in unser Zimmer in der 14. Etage. Oft blieben wir gleich mit Gepäck auf einen oder mehrere Cola-Wodkas zum Preis von 1,50 M im FMP 02, dem hauseigenen Studentenclub, hängen, wo ein Tonband mit Renft-Musik der Renner war und wir uns auf den folgenden 6-8stündigen Unitag einstimmen konnten. Das 22 Stockwerke hohe Studentenwohnheim bestand aus 2 Häusern, die über Durchgänge in bestimmten Etagen mit einander verbunden waren. Es beherbergte die Studenten der Sektionen Germanistik, Romanistik, Rechtswissenschaft, Sportwissenschaft... und war ein Schmelztiegel der verschiedensten Nationalitäten und Kulturen. Es gab abgeschlossene Wohneinheiten, in deren Zimmern je nach Größe 4, 3, 2 oder eine Person wohnten. Die "Frischlinge" wurden im ersten Jahr natürlich in 4-Bettzimmern untergebracht. Dort standen 2 Doppelstockbetten, 4 Schränke, 4 Tische und 4 Stühle. Es gab je nach Wohnungsgröße und Zimmerzahl ein oder 2 Bäder mit Badewanne und Dusche zur gemeinsamen Nutzung innerhalb der jeweiligen Wohnung. Die Küchen befanden sich an den Enden der langen Flure jeder Etage und wurden gemeinschaftlich genutzt. Außerdem gab es einen Müllschlucker mit beeindruckenden Fallgeräuschen des herabfallenden Mülls aus den höheren Stockwerken. Und natürlich brachten uns 2 Fahrstühle nach oben und wieder hinunter. Meine Leipziger Kommilitonin und ich teilten das Zimmer mit 2 Mädchen aus Bulgarien, die Germanistik studierten. Ansonsten wohnten mit uns in diesem Wohnheim Studenten aus den verschiedenen Sowjetrepubliken, aus Frankreich, Spanien, Jugoslawien, der CSSR, Vietnam, Kampuchea, Nordkorea, Großbritannien, Angola, Mosambik, Portugal, Italien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Mongolei, Kuba ... Nur an Österreicher, Westdeutsche und Chinesen kann ich mich nicht erinnern. In den Nächten mussten wir uns abwechselnd zum Pförtnerdienst eintragen. Dieser bestand darin, dass man einen Teil der Nacht in der Pförtnerloge am Eingang saß und sich von allen, die nachts hineinwollten, den Studentenausweis zeigen ließ.

Trotz des Stipendiums, das alle erhielten, musste man sich etwas hinzuverdienen, wenn man höhere Ansprüche als Essen und Schlafen stellte, etwa das Berliner Kultur- und Nachtleben genießen wollte. Und wer wollte das nicht. Ich versuchte es anfangs mit Nachtschichten im EAW Treptow, die mit 46 Mark vergütet wurden, aber sehr auf die Substanz gingen, denn morgens um 7.15 Uhr musste man wieder im Hörsaal sitzen. Dann war auch das Plasmaspenden eine beliebte Einnahmequelle, die 86 Mark pro Spende einbrachte. Hier musste man aber eine gründliche medizinische Voruntersuchung über sich ergehen lassen, die manchmal zu geringe Hämoglobin- und Eisenwerte ans Licht brachte, sodass man vom Spenden ausgeschlossen wurde. In den ersten beiden Jahren nutzte ich diese Verdienstmöglichkeiten nur im Notfall. Auch bekam ich nach dem ersten Semester mit den ersten Prüfungsergebnissen ein Leistungsstipendium von 60 Mark, was einige zusätzliche Dinge erschwinglich machte. Außerdem gab es bei den Besuchen zu Hause immer mal wieder Geld von den Eltern oder der "Kneipen" - Oma, die nach dem Tod des bierkutschierenden Opas eine kleinere Kneipe übernommen hatte, welche sich auf dem Schwemmhof der Zuckerfabrik befand und hauptsächlich als Betriebskantine fungierte. Dort half ich in den Ferien oft als "Bardame" bei Betriebsvergnügen aus, was mir einige Mark an Trinkgeld einbrachte und mein Interesse am Cocktailmixen weckte.

Im Studentenwohnheim unter uns in der 13. Etage wohnte ein weiterer Kommilitone zusammen mit 2 sowjetischen und einem tschechischen Studenten. Mit diesen "Jungs" verband uns eine enge Freundschaft und wir unternahmen viele Dinge gemeinsam. Durch die beiden sowjetischen Studenten erhielten wir tiefere Einblicke in die Strukturen des sowjetischen Jugendverbandes Komsomol, dem sie alle angehörten. Sie demonstrierten im Ausland ein enges Zusammengehörigkeitsgefühl und trafen sich regelmäßig. Manchmal waren auch wir mit dabei. In der Wohnung der "Jungs" wohnten im Nachbarzimmer Studenten aus Jugoslawien und Frankreich. Wenn wir abends gemütlich zusammen saßen, kamen sie dazu und brachten oft auch noch weitere Freunde mit. So ergab sich daraus meine erste Begegnung mit einem "Ex-Junki", einer Französin, die darüber berichtete, wie sie drogenabhängig geworden war bzw. wieder "clean" werden konnte. Auch um nicht wieder rückfällig zu werden, hatte sie sich für ein Germanistikstudium in der DDR entschieden, denn hier hatte sie keinen Zugang zu Heroin oder dergleichen, unseren "Alu-Chips", wie wir die DDR-Mark liebevoll nannten, sei Dank. Zum Glück wollte kein Drogenhändler sein Dreckszeug für diese "wertlose" Währung verticken. Möglicherweise hatten aber Künstler und andere DDR-Bürger mit Westkontakten Zugang zu Drogen. Das entzieht sich meiner Kenntnis und war mir auch ziemlich egal.

Im 2. Studienjahr konnte ich ein 2-Bett-Zimmer in einer Wohnung in der 9. Etage beziehen, das ich mit einer jungen Frau aus Kampuchea teilte. Sie war Ende 20 und hatte schrecklich unter der Herrschaft der Roten Khmer von 1975 bis 1979 gelitten. Sie und einige Verwandte waren während dieser Zeit in Lagern interniert, weil sie aus einer Intellektuellenfamilie stammten. Nachdem die Roten Khmer auch Vietnam angegriffen hatten, marschierten vietnamesische Truppen ein und stürzten die Roten Khmer. Nach jahrelangen weiteren Kämpfen kapitulierten die Roten Khmer erst 1998 nach dem Tod ihres Anführers Pol Pot. Die junge Frau, mit der ich das Zimmer bewohnte, war aufgrund der erlittenen Entbehrungen sehr dünn, obwohl sie in der DDR aufgepäppelt worden war. Vor Aufnahme ihres Dolmetscherstudiums an der Humboldt-Universität hatte sie außerdem in Leipzig am Goethe-Institut Deutsch gelernt. Sie kochte mit Hingabe die Gerichte ihrer asiatischen Heimat mit den Zutaten, die sie über die Botschaft oder das Konsulat ihres Landes in Ostberlin beziehen konnte. Dadurch erhielt ich einen ersten Einblick in die asiatische Küche, freundete mich mit Algensuppe, Glasnudeln, asiatischen Pilzen und Gewürzen an. Es duftete immer sehr verführerisch in unserer Wohnung. Anfangs war ich genervt von dem Umstand, dass sie häufig kleine Mahlzeiten essen musste, deshalb auch nachts auf dem Flur kochte und im Zimmer aß. Letztendlich schämte ich mich dafür, dass ich einmal ungehalten auf nächtliches Geschirrklappern und Essensgerüche reagiert hatte. Denn das Leben hatte ihr so unglaublich übel mitgespielt, dass ein paar nächtliche Störungen dagegen einfach Pille Palle waren. Wir freundeten uns an und planten zukünftig nächtliches Essen und "Herrenbesuche" gemeinsam, sodass von Zeit zu Zeit jeder mal "sturmfreie Bude" hatte. In der selben Wohnung wohnten ebenfalls in einem 2-Bett-Zimmer eine angehende Dolmetscherin für Portugiesisch und Französisch sowie ein Mädchen aus der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Vater in Baku zur sowjetischen KPdSU-Nomenklatura gehörte. Mit beiden sehr lebenslustigen jungen Frauen freundete ich mich an. Gemeinsam erkundeten wir das vielfältige Ostberliner Nachtleben in den einschlägigen Bars, wie z.B. im Café Friedrichstadt, im Operncafé, im Gastmahl des Meeres, im Lindencorso, unterm Fernsehturm, im Café Nord, in verschiedenen Studentenclubs, in der NATASCHA-Bar im Restaurant MOSKAU ... . Mit 4,10 M Eintritt war man dabei und einen Cocktail konnte man sich immer leisten. Für die weiteren sorgten dann meistens Tanzbekanntschaften, die ebenfalls einen schönen Abend genießen wollten. Es gab eigentlich nie Probleme, bis auf einen Abend im Lindencorso, wo sich viele Westdeutsche aufhielten, die ihre "Zwangsumtausch-DDR-Mark" hier verjubelten. Sie glaubten, nur mit den Westmarkscheinen winken zu müssen, um ein Mädchen "aufreißen" zu können. Das war uns zu primitiv und deshalb gingen wir da nicht wieder hin.


Nachdem wir das 1. Semester im Oktober 1982 mit einem Studenteneinsatz bei der Apfelernte in Werder nahe Berlin begonnen hatten, folgte zu Beginn des 4. Semesters im März/April 1984 die nächste studentische Kollektivmaßnahme, das "Lager für Zivilverteidigung". Dazu wurden wir Mädchen 5 Wochen in einer sonst als Sommerferienlager genutzten Bungalow-Siedlung in Beichlingen bei Bad Frankenhausen "kaserniert". Die Jungen kasernierte man irgendwo zum Lehrgang für den "Offizier der Reserve".

Beichlingen März/April 1984: Bei Schneefall in ungeheizten Sommerbungalows. Foto: I.H.
Beichlingen März/April 1984: Bei Schneefall in ungeheizten Sommerbungalows. Foto: I.H.
Beichlingen März/April 1984: Mädchen in Uniform unter "Einsatzbedingungen" im Gelände. Foto: privat
Beichlingen März/April 1984: Mädchen in Uniform unter "Einsatzbedingungen" im Gelände. Foto: privat

5 Wochen Uniform tragen, Vorgesetzte grüßen, Exerzierübungen durchführen, das Schützen, Bergen, Retten üben und so tun als ob man einen Atomschlag durch Anlegen des Vollschutzanzuges überleben könnte. Schon bei diesen Übungen offenbarte sich das ganze Grauen des Krieges und selbst wenn man es in einen der atomsicheren Bunker, den wir besichtigten, schaffen würde, käme das doch dem lebendig Begrabensein gleich. Dies bestärkte meine Überzeugung, dass man es gar nicht erst zum Krieg kommen lassen darf und Toleranz, gegenseitige Akzeptanz, Interessensausgleich und Diplomatie in der internationalen Politik das einzige Mittel für die Bewahrung des Friedens sind. Nie war mir das deutlicher als heute, da unsere westlichen Regierungen in den letzten 25 Jahren alles dafür taten, Feindschaften zu schüren und Kriege zu entfachen bzw. zu provozieren. Wir sind alles Andere als ein "guter Nachbar". Und die Nachfolger von Willy Brandt in der SPD haben ihn und Michail Gorbatschow posthum in den "Arsch" getreten. "Gute Nachbarn" müssen Angriffe nicht fürchten. "Gute Nachbarn" ergreifen keine Partei in Konflikten, sondern bemühen sich um deren schnelle diplomatische Lösung.

Im Mai 1984 setzten wir unser Studium fort, nun schon im 4. Semester. Das Diplomstudium der DDR beinhaltete in den ersten 6 Semestern für die Studenten aller Fachrichtungen eine grundlegende Ausbildung in marxisitisch-leninistischer Philosophie im 1. Studienjahr, politischer Ökonomie im 2. Studienjahr und in der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus im 3. Studienjahr. Dazu gab es pro Woche eine Vorlesung und ein Seminar. Alle 3 Lehrgänge mussten mit einer Abschlussprüfung beendet werden, die man auch in Form einer Jahresarbeit absolvieren konnte. So schrieb ich in Philosophie eine Jahresarbeit zur "Dialektik von Hass und Liebe", in der ich mich u.a. auch mit SPINOZA und seiner ETHIK auseinandersetzte. Am Ende des 3. Studienjahres schloss ich die "Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus" mit einer Arbeit zum Thema "Die Enzyklika "pacem in terris" von Johannes XIII. und ihre Potenzen für das Bündnis im Friedenskampf" ab. Hier beschäftigte ich mich erstmals eingehend mit kirchlichen Standpunkten zu Krieg und Frieden, zu Militarisierung und Abrüstung. Fazit: Für das Bündnis im Friedenskampf lohnt es sich auf jeden Fall, konfessionelle und ideologische Engstirnigkeiten zu überwinden. Bei den von mir aufgezeigten Gemeinsamkeiten christlicher und marxistischer Friedensauffassungen wollte mir mein Professor nicht so recht folgen. Wir stritten ziemlich heftig im Prüfungsgespräch. Er achtete meine Auffassungen, gab mir aber nur eine 4 für die Arbeit. Zum Glück waren alle anderen Prüfungsergebnisse am Ende des 3. Studienjahres mindestens gut, sodass die weitere Bewilligung eines Leistungsstipendiums nicht in Gefahr geriet. Die drei ersten Studienjahre hatten es in wissenschaftlicher Hinsicht und vom Pensum her in sich. Seminare, Vorlesungen und praktische Übungen von 7.15. Uhr bis abends 18.00 Uhr. Mittags gab es Pausen, die man im Studentenkeller bei Schnitzel und Bier für 6 Mark, in der Mensa beim Mittagessen für 2 Mark oder bei mehr Zeit im Cafè des naheliegenden "Palastes der Republik" bei Schokoeisbecher und Gin Tonic jeweils für 4,50 Mark verbringen konnte. An den Wochenenden, soweit sie nicht zur Heimreise genutzt wurden, was mit zunehmendem Alter immer seltener geschah, saß man in der Bibliothek, ging schwimmen oder Schlittschuhlaufen im SEZ und abends ins Theater, die Nachtbar, Ausstellungen, Museen oder zum "Jugendball" im PALAST DER REPUBLIK.

Das kulturelle Leben war vielfältig und wartete nur darauf, erkundet zu werden.


Das fachwissenschaftliche Spektrum für meinen Studiengang umfasste im Bereich Germanistik Vorlesungen und Seminare in allgemeiner Sprachwissenschaft, Sprachgeschichte, Syntax, Lexikologie, Stilistik, allgemeiner Literaturwissenschaft, Literaturgeschichte des frühen und späten Mittelalters und aller anderen Epochen, DDR-Literatur, BRD-Literatur, Frauenliteratur, Theaterwissenschaft und Theaterpraxis am Berliner Ensemble, BE, dem Brecht - Theater. Außerdem wurde der Russischunterricht bis zum Ende des 3. Studienjahres fortgesetzt und endete mit einer Abschlussprüfung in Form einer Übersetzung eines 60'000 Druckzeichen umfassenden fachwissenschaftlichen Textes aus einer sowjetischen Fachzeitschrift. Erweitert wurden unsere Kenntnisse auch durch eine spannende Vorlesungsreihe zu "Biblischer Mythologie".

Prüfungen und Klausuren gab es in jedem Semester mehrere. Für die Zulassung zu den weiterführenden Literaturseminaren mussten wir einen Lesekanon abarbeiten und dieses in einer "Leseüberprüfung" nachweisen. Im Bereich Anglistik kamen Vorlesungen und Seminare in englischer Sprachpraxis, Grammatik und Phonetik dazu, außerdem in britischer Geschichte, Landeskunde, Literatur sowie in amerikanischer Geschichte, Landeskunde und Literatur. Auch hier war für die beiden weiterführenden Literaturseminare ein Lesekanon abzuarbeiten in Originalfassung! Klausuren, Jahresarbeiten, Prüfungen gehörten auch hier zum Programm. Die straffe, fast schulmäßige Organisation des Studienablaufes entlastete uns von vielen Problemen, vor denen meine Tochter dann stand, als sie 2006 ein Diplomstudium an der Universität Kassel begann. Für die Einschreibung in Pflichtseminare oder -vorlesungen musste sie um Mitternacht am Laptop sitzen, um einen der nicht für alle ausreichenden Plätze zu ergattern. Wenn ihr dies nicht gelang, dann musste sie das Seminar im nächsten Jahr nachholen. Wie gut hatten wir es da. Für alle von uns war gesorgt. Wir mussten nur die Prüfungen bestehen, dann ging es automatisch weiter. Auf dieser Basis und einem festen Plan folgend, konnte man sogar Vorlesungen anderer Fachrichtungen besuchen, was ich z.B. ausnutzte, um Vorlesungen über afrikanische Literatur in der Sektion Romanistik zu besuchen. Diese hatte mir meine Freundin, die angehende Portugiesischdolmetscherin, empfohlen. Sie war 1984 zu einem Einsatz als Dolmetscherin in die VR Mosambik delegiert worden, um bei einem der erfolgreichsten neuen Landwirtschaftsprogramme der VR Mosambik, einer Staatsfarm in Unango, die mit DDR-Unterstützung aufgebaut wurde, zu dolmetschen. Die mit sozialistischer Unterstützung und internationaler, antiimperialistischer Solidarität voranschreitende Entwicklung der ehemaligen portugiesischen Kolonie war dem NSW ein Dorn im Auge und es wurden wie immer sogenannte Rebellengruppen vom Ausland aus finanziert und bewaffnet, die den Aufbau stören sollten und einen regime change vorbereiten sollten. In Angola hießen dieses Truppen UNITA und in Mosambik RENAMO.

Unter Leitung der DDR-Experten entwickelte sich das Landwirtschaftsprojekt in Unango erfolgreich, auch durch den Bau zweier Staudämme. Solche erfolgreichen Projekte waren Angriffsobjekte der RENAMO, weil sie unter der Bevölkerung als Erfolge der regierenden FRELIMO gewertet wurden. Die Kolonne der Brigade wurde auf dem Weg nach Unango beschossen. "Die meisten DDR-Bürger und fünf mosambikanische Begleitkräfte starben durch Kopfschüsse aus nächster Nähe." *** 8 DDR-Entwicklungshelfer verloren ihr Leben. Danach wurden alle DDR-Bürger aus Mosambik abgezogen. Deshalb kam auch meine Freundin wieder zurück, bevor ihr Einsatz begonnen hatte. Zum Glück.

"Die mosambikanischen Kollegen versuchten zunächst, die Farm am Leben zu erhalten. Doch nachdem die RENAMO-Leute auch die Staudämme zerstört hatten, konnte es auch keine guten Ernten mehr geben." ***


Ich erinnere mich sehr gern an meine Universitätszeit als eine Phase der Horizonterweiterung verbunden mit vielen neuen Erkenntnissen und Einsichten in jeder Hinsicht. Ich war Studierende und Studentin gleichermaßen, was ich wohl nicht weiter erläutern muss.

In den beiden letzten Studienjahren ging es dann um die Spezialisierung in den Fachdidaktiken und Unterrichtsmethodiken für die Fächer Deutsch und Englisch. Mit diesem 5jährigen Studium erwarb man in der DDR die Unterrichtsbefähigung für die Klassen 5 bis 12, also bis zum Abitur. Es endete mit einem praktischen Jahr in einer Schule und den entsprechenden Lehrproben.

Die Studentin fand im Oktober einen wundervollen Nebenjob im wieder eröffneten Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Der von Karl Friedrich Schinkel konzipierte und 1821 von Friedrich Wilhelm III. eröffnete Bau war nach einem Brand in den letzten Kriegstagen 1945 komplett zerstört worden. 1977 begann in der DDR der Wiederaufbau im Geiste Schinkels unter der Leitung des Architekten Manfred Prassers. Das Gebäude wurde komplett entkernt und neu gestaltet. So entstanden ein großer Konzertsaal mit Chorbalkon und Orgel, dessen Akustik weltberühmt ist, ein Kammermusiksaal, ein Musikclub, zwei Nebensäle - Ludwig-van-Beethoven-Saal und Carl-Maria-von-Weber-Saal. In der Berliner Zeitung annoncierte man Stellenanzeigen für Bedienungspersonal aller Art. Ich nahm eine Stelle als Schließerin und Platzanweiserin an, die mir nicht nur eine Einnahmequelle verschaffte, sondern auch einen neuen Zugang zu klassischer Musik in Form von "live"-Konzerten. Sobald ich die Türen meines Bereiches am großen Konzertsaal geschlossen hatte, ging ich zum Stehbalkon und lauschte den Klängen der Orchester. Natürlich war ich rechtzeitig zurück und konnte von dort auch beobachten, ob ein Gast den Saal in meinem Bereich wegen Unwohlseins verlassen musste. Dann war ich sofort wieder zur Stelle, um ihm die Tür zu öffnen und zu helfen. Gleich im Oktober 1984 spielten die Wiener Philharmoniker unter Leitung Leonard Bernsteins im Schauspielhaus. Der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, auf dem Stehbalkon standen die Besucher in 3er Reihen, sodass ich dieses Mal leider nur kurz zuhören konnte. Ich wollte den zahlenden Gästen nicht im Wege stehen. Einige Besucher kamen auch aus Westberlin. Es war ein "MEGA-Event". Für mich allerdings gab es allerhand zu tun. Denn einem Besucher ging es schlecht und er verließ fluchtartig den Saal durch die Tür in meinem Bereich. Nachdem ich möglichst leise die innere Tür zum Saal wieder geschlossen hatte, übergab er sich im Zwischenraum zwischen innerer und äußerer Tür. Zum Glück kam mir die Toilettenfrau zu Hilfe mit Wasser und Tüchern für den Gast und Eimer und Wischlappen für mich. Diesen ereignisreichen Abend beendete ich mit ein paar Drinks in der Kantine für Künstler und Angestellte. Dafür opferte ich das gesamte Trinkgeld des Abends. Die Konzertprogramme kosteten immer 60 Pfennige und die meisten gaben eine Mark, wenn sie eines kauften. Da summierte sich eine hübsche Summe an Trinkgeld. Besonders an jenem Abend kamen auch ein paar Westmark dazu, die ich später nach dem Umtausch in FORUM-Schecks im Intershop für irgendwelche Westkinkerlitzchen ausgeben konnte. Vorher hatte ich bei der Abrechnung der verkauften Programme die Westmark in Ostmark aus der eigenen Tasche tauschen müssen. Zum Glück hatte ich so viel eigenes Geld dabei.

Das nächste Großereignis im Schauspielhaus, bei dem ich Dienst hatte, war der Staatsbesuch des nikaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega in der DDR. Erich Honecker und Daniel Ortega besuchten gemeinsam mit ihren Frauen ein Konzert des Berliner Sinfonieorchesters, das seine Heimat im Schauspielhaus hatte. Es wimmelte von Sicherheitspersonal, als Herr Ortega mit seiner hochschwangeren Frau das Haus betrat. Im Ludwig-van-Beethoven-Saal war ein üppiges Buffet für die Staatsgäste und ihre Entourage aufgebaut worden, von dem jede Menge übrig blieb, nachdem alle wieder gegangen waren. Das Sicherheitspersonal bot uns an, mit ihnen gemeinsam die Reste zu essen. Das war mir irgendwie zu blöd und ich ging nach Hause. Bis zum September 1986 tat ich Dienst im Schauspielhaus. Erst als wir in den letzten Monaten des 5. Studienjahres zu unterrichten begannen und ich abends Unterricht vorbereiten musste, gab ich diesen schönen Job auf.

In der spiel- und studienfreien Zeit im Sommer 1986 übte ich zeitweise einen weiteren studentischen Nebenjob aus. Ich war Honorardolmetscherin bei INTERTEXT und dolmetschte u.a. für die amerikanischen Schauspieler einer Filmproduktion unter Leitung des österreichischen Regisseurs Franz Antel, dessen bekanntester Film "Der Bockerer" auch in der DDR zu sehen gewesen war. Jetzt drehte er einen Film über Johann Strauß mit amerikanischen, BRD- und DDR-Schauspielern in Potsdam - Babelsberg. Meine Aufgabe war es, speziell für die Schauspielerin Audrey Landers - bekannt aus "Dallas"- , aber auch für die anderen das Begleitdolmetschen in der Maske, beim Drehen, beim Essen, bei Ausflügen u.s.w. zu übernehmen. "Nebenbei" schrieb ich im Hotelzimmer des INTERHOTELS "Stadt Potsdam", wo man uns alle untergebracht hatte, an meiner Diplomarbeit über den Vergleich der Versprachlichung kausaler Zusammenhänge mit Hilfe von Konjunktionen im Deutschen und Englischen. Diese Arbeit musste bis zum September 1986 fertig sein und vorher musste meine Mutter sie noch abtippen mit Durchschlägen in vierfacher Ausführung. Kopierer gab es ja noch nicht. Ich hatte also zu tun.

Während ich Audrey Landers und die anderen Schauspieler, u.a. Oliver Tobias, John Phillip Law, Mary Crosby, Rolf Hoppe, Dagmar Koller, Marijam Agischewa ... bei Ausflügen in z.B. den Friedrichstadtpalast und zu einem Empfang beim stellvertretenden DDR-Kulturminister, Horst Pehnert, dolmetschend begleitete, wunderte ich mich darüber, wie wenig die Amerikaner über die beiden deutschen Staaten wussten. Das war auch die Ursache für Unstimmigkeiten mit der Frau, die für die Logistik zuständig war, aber auch nicht beachtete, dass ich als DDR-Bürger im Taxi nicht durch Westberlin fahren durfte, sondern es umrunden musste, um nach Ostberlin zu kommen, weshalb ich natürlich verspätet zu den dortigen Terminen eintraf. Weil ihre verbalen Attacken gegen mich meinen Widerspruch hervorriefen, fiel ich bei ihr in Ungnade und wurde entlassen. Dass ich mein Geld trotzdem bekam, verdankte ich der Hartnäckigkeit der INTERTEXT - Verantwortlichen, die auf der Erfüllung des Vertrages bestand und bei mir kein Fehlverhalten entdecken konnte.



(wird fortgesetzt)

*Quelle: Ausstellungskatalog "Unentdecktes Land", 1. Auflage, Berlin 2019, S.7, 8, 9, 16, 17

** Quelle: Katja Hoyer "Diesseits der Mauer", HOFFMANN UND CAMPE, 2023

*** Quelle: nd "Bis zu jenem Tag im Dezember..." Matthias Voß, 07.12.2004





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Geboren in den 60ern in einem mittlerweile untergegangenen Land. Abitur, Studium, Beruf, Familie, dann quasi über Nacht ungewollt in einem anderen Land. Erwachen und seitdem auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen.

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